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Eric Jorosinski twittert nicht irgendwie, sondern künstlerisch-philosophisch.

Buch-Vorstellung "Nein. Ein Manifest"

Jarosinski zeigt im Buch seine Aphorismen-Künste auf Twitter 

Eric Jarosinski twittert als "NeinQuarterly" seit Jahren Aphorismen in 140 Zeichen. Er hat 116.000 Twitter-Follower. Zeit, ein Buch über seine Tweets zu schreiben: "Nein. Ein Manifest".

Nein, heute kann man sich das kaum mehr vorstellen: Es gab eine Zeit, da waren in der Folge des Geistes von ‘68 fast alle dafür, dass man dagegen ist. Ja, es gehörte sogar zum guten Ton, nicht zu den Ja-Sagern zu gehören. Und für zaghaftere Gemüter erschien wenig später dann ein psychologischer Ratgeber mit dem Titel „Sag nicht Ja, wenn du Nein sagen willst“. Aber irgendwann, man weiß nicht, wie’s geschah, waren diese märchenhaften Zeiten, als das Verneinen noch geholfen hat, dann doch vorbei. Und obgleich der mündige Untertan, nicht nur in Gestalt des Wutbürgers, auch heute keineswegs zu allem Ja und Amen sagt – das Nein-Sagen ist nicht mehr in. Zumindest nicht im Sinne einer prinzipiellen Negation, die auf das große Ganze zielt, die eine Haltung ist, nein, eine Weltsicht gar.

Denn es gibt ja nicht bloß die politische Tradition der Nein-Sagerei, sondern auch eine noch fundamentalere, gleichsam metaphysische, die allerdings seit dem Absterben des Existenzialismus völlig aus der Mode gekommen ist; abgesehen von einer flüchtigen Renaissance in den Achtzigern, als kurzzeitig Bücher von E. M. Cioran boomten. Und genau in diese fast schon vergessene Kerbe des Nihilismus schlägt nun Eric Jarosinski: „Nein. Ein Manifest“ nennt der amerikanische Germanist in typisch nihilistischer Bescheidenheit seinen Aphorismenband, der aus dem Twitter-Kanal „NeinQuarterly“ hervorgegangen ist. Der Autor betreibt ihn, weshalb auch jeder Überschrift in dem Buch ein schicker „Hashtag“ (#) vorangestellt ist. Gleichwohl scheint der philosophische Zwitscherer den „Sozialen Medien“ skeptisch gegenüberzustehen: „Viele Flaschen./ Kaum Post./ Viele Friends./ Kaum Freunde.“

Weil es der Gegenstand nahelegt, aber auch, weil sich Jarosinski als Dozent vor allem mit Nietzsche und Adorno beschäftigt hat, beschwört er nicht selten den Geist dieser beiden Neinsager: „Ohne Angst./ Ohne Hoffnung./ Ohne Reue./ Also shoppte Zarathustra.“ Und weil der Aphorismus, diese literarische Hallodri-Gattung mit ihrem Hang zum Unvollständigen, Leichtfüßigen, Faulenzerischen, ohnehin der Komik nahesteht, kann man Entwarnung geben: Nein, es geht nicht tiefgründelnd-trist zu in diesem Werk, sondern unterhaltsam und amüsant. Weil der Nihilismus rein logisch ja ein Paradox ist, und weil das seine meisten Vertreter wissen, sind sie oft sehr witzige Gesellen. Sie treiben gern geistiges Allotria, ja zeigen nicht selten einen deutlichen Drall ins Dadaistische oder zumindest Sinn für Selbstironie: „Geduld, Freunde./ Wandel braucht Zeit./ Lang ist der Kampf./ Und Rom wurde auch nicht an einem Tag niedergebrannt.“

Eric Jarosinski ist erster Zwitscher-Literat der Geschichte

Die eigentlichen Gourmet-Stückchen seiner Aphorismen-Kunst versteckt dieser erste Zwitscher-Literat der Geschichte allerdings im „Glossar“, das als Parodie auf wissenschaftliche Begriffsklärungen daher- und ganz ohne Hashtags auskommt. Das „Wochenende“ definiert Eric Jarosinski da etwa als „Die beiden Tage der Woche, an denen Ihre Entfremdung nur Ihnen allein gehört“. Und „Zynismus“ erklärt er als „Hoffnung, dass man es irgendwann schon immer gewusst haben wird“. Wenn jetzt aber wider Erwarten jemand noch wissen möchte, ob man sich bei der Lektüre des Buches denn nicht langweilt, dann kann man ihm guten Gewissens antworten: Nein.

Eric Jarosinski: „Nein. Ein Manifest“. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 133 Seiten; 12,99 Euro.

Alexander Altmann

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