Erich Honecker an der Wand

- Es liegt nicht allein am Regisseur Peter Konwitschny, dass Münchens neuer "Fliegender Holländer" die Zuschauer zu Beifallsstürmen hinreißt. Das hat natürlich mit der ganz fabelhaften Anja Kampe als Senta zu tun. Sie kam, sang und siegte. Am 16. Juli ist die Sopranistin bei den Opernfestspielen mit dabei. Vorher aber hat sie noch eine Premiere in Glyndebourne zu absolvieren. Deborah Warner inszeniert "Fidelio", Mark Elder dirigiert, und Anja Kampe gibt ihr Debüt als Leonore.

Ein weiter Weg von Zella-Mehlis, ihrer Heimatstadt, in die Zentren der internationalen Opernwelt.

Fragen Sie sich angesichts Ihres großen Erfolges mitunter: Was ist bloß Traum, was ist Wirklichkeit?

Kampe: Ja, das überfällt mich manchmal ganz unverhofft. Was so alles mit einem passiert. Ich hatte ja kurz vor der Münchner Premiere in Brüssel mit der Senta debütiert. Also die Partie war nicht ganz neu für mich. Trotzdem, ich war doch ein bisschen skeptisch - wegen Peter Konwitschny. Er ist bekannt für seine extreme Regie. Davor hatte ich etwas Angst. Grundlos, wie sich herausstellte. Ich war restlos begeistert von ihm. Mit so einem Riesenerfolg hatte ich allerdings nicht gerechnet.

Sieglinde, Freia, Elvira, Jenufa, Leonore - und Senta, die am Ende alles in die Luft sprengt: Ist sie die radikalste aller Weiber?

Kampe: Auf jeden Fall. Ich hatte am Anfang der Proben damit auch meine Probleme. Mir liegt jede Gewalt fern. Und ich wollte das nicht auf der Bühne spielen. Aber Konwitschny hat mich überzeugt. Die Situation hat sich für Senta so zugespitzt, da ist ihr Handeln okay.

Benötigen Sie in Ihrem Beruf nicht selbst auch eine Portion Radikalität?

Kampe: Na ja, man fühlt sich als Sänger manchmal schon vergewaltigt, wenn ein Regisseur einem keinen Spielraum fürs Eigene lässt. Da gibt es Momente, wo ich alles in die Luft sprengen könnte.

Wie ist es überhaupt mit dem Gehorsam gegenüber dem Regisseur?

Kampe: Wir sind ja darauf angewiesen, miteinander zu arbeiten. Also darf man sich nicht total verschließen. Aber man darf auch nicht alles akzeptieren. Ich will mich nicht als Marionette missbrauchen lassen, ich habe auch meine eigenen Ideen. Natürlich, man ist auf der Bühne nicht alleine, wir sind ein Ensemble. Jeder muss sich ins Ganze einfügen. Ich gebe zu, es fällt mir oft schwer.

Sie kommen aus Thüringen, haben erst in Dresden, dann in Turin studiert und leben dort auch heute noch...

Kampe: Angefangen zu singen habe ich in Suhl, an der Musikschule. Eigentlich ging ich dorthin, um Gitarre zu lernen. Aber es gab keinen Platz für mich. Da fragte mich eine Lehrerin, die dann sehr lange meine Lehrerin blieb, warum ich es denn nicht mit dem Singen probieren wollte. Ich hatte noch nie eine Oper gesehen.

Und wann haben Sie Ihre erste Oper gesehen?

Kampe: Mit 15, "Fidelio", in Suhl, ein Gastspiel aus Meiningen. Aber ich wusste schon längst davor, dass ich einmal Opernsängerin werden wollte. Ich kannte alles von den Schallplatten, die ich mir ausgeliehen hatte.

Nochmal zu Turin . . .

Kampe: Das hatte private Gründe. Kurz vor der Wende habe ich einen Italiener geheiratet und durfte ausreisen. Also habe ich mein Studium dort abgeschlossen.

Was ist Ihr Antrieb, sich auf die Bühne zu stellen, zu singen und zu spielen?

Kampe: Ich liebe beides. Aber ich bin mehr der Operntyp als der Konzertsänger. Weil man da Sachen tun darf, die man sonst nicht darf. Da kann ich mich so richtig ausleben.

Im Münchner "Holländer" spielt das Brautkleid eine ziemlich wichtige Rolle. Trugen Sie ein Brautkleid, als Sie geheiratet haben?

Kampe: Kein so richtiges, aber immerhin eins mit Plauener Spitzen. Das war ja noch zu DDR-Zeiten. Wir waren nur auf dem Standesamt, mit Erich Honecker an der Wand im Hintergrund . . .  Ich bin doch wirklich sehr froh, dass ich durch die damalige Heirat schon kurz vor der Wende weggegangen bin aus Deutschland. In eine Welt, die ich bis dahin gar nicht kannte. Das hat mir einen ganz anderen Horizont eröffnet.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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