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Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat Erich Kästner (1899-1974) nicht dafür gesorgt, dass sein Roman „Fabian“ aus dem Jahr 1931 in der Urfassung veröffentlicht wurde. Das ist erst jetzt geschehen.

„Der Gang vor die Hunde“

Erich Kästner – neu entdecken

München - Unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ ist erstmals die Urfassung des Romans „Fabian“ veröffentlicht worden.

„Dieses Buch ist nichts für Konfirmanden, ganz gleich wie alt sie sind“, schrieb Erich Kästner im „Nachwort für die Sittenrichter“ zu seinem 1931 fertiggestellten Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“. Doch nicht nur dieses Nachwort, auch ein vollständiges Kapitel sowie zahlreiche andere Passagen wurden damals vom Lektor gestrichen, bevor das Buch erscheinen konnte. Die beanstandeten Stellen schienen den Verantwortlichen der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA), die Kästner verlegte, teils politisch zu provokativ, teils sexuell zu explizit. Dass „Fabian“ vom „Völkischen Beobachter“, dem NS-Blatt, dennoch als „gedruckter Dreck“ und „Sudelgeschichte“ bezeichnet wurde, darf aus heutiger Sicht als Kompliment gewertet werden. Das Buch, bei seinem Erscheinen trotz Verlagseingriffen ein Verkaufsschlager, landete dann auch zwei Jahre später auf dem Scheiterhaufen der Nationalsozialisten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwar diverse Neuauflagen, an denen Kästner bis zu seinem Tod im Jahr 1974 redigierend mitwirkte. Jedoch kam keiner – auch der Autor selbst nicht – auf die Idee, dafür auf die Urfassung des Romans zurückzugreifen. Dem Münchner Germanisten und Kästner-Biografen Sven Hanuschek ist es zu verdanken, dass diese jetzt bei Atrium unter dem einst von Kästner vorgesehenen und ebenfalls abgelehnten Titel „Der Gang vor die Hunde“ samt ausführlichem Anhang erstmals erschienen ist.

Die Geschichte des arbeitslosen Germanisten Jakob Fabian, der sinnsuchend durch das in jeder Hinsicht verkommene Berlin der beginnenden Dreißigerjahre treibt, dort seine große Liebe findet und wieder verliert, ist in der heutigen Medienwelt kaum mehr dazu angetan, einem Konfirmanden die Ohren zu röten. Und so sind auch die Streichungen nur aus der Zeit heraus zu verstehen. Das komplett gelöschte zweite Kapitel, in dem der fiese Direktor der Zigarettenfabrik, in der Fabian zu Beginn noch arbeitet, mit seiner frischen Blinddarmnarbe prahlt und vor seinen Untergebenen buchstäblich die Hosen runterlässt, las sich damals etwa als ungeheure Respektlosigkeit gegenüber jeder Form von Obrigkeit. Die Busfahrt von Fabian und seinem Freund Labude, bei der sie Berliner Monumente verspotten (darunter das Brandenburger Tor als „Denkmal für Droschkenfahrer“), galt als Beleidigung nationaler Heiligtümer. Auch vom Bordellbesuch mit einem einstigen Schulkameraden, der sich als Mitglied des paramilitärischen Stahlhelm-Bundes erweist und seine autoritär-sadistischen Neigungen an Frauen auslebt, ist in der Erstausgabe nicht viel übrig geblieben.

Ob diese und viele anderen jetzt wieder zugänglichen Passagen der Urfassung den Roman nun unbedingt besser machen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall sind sie ein guter Grund, diesen Klassiker wieder zur Hand zu nehmen – und jenen Kästner für Erwachsene wiederzuentdecken, dessen große Kunst darin bestand, den Leuten aufs Maul zu schauen. Und der das, was er hörte, in eine unnachahmlich satirische, zugleich immer ein wenig melancholische Form goss, in eine Sprache, die heute noch trifft und berührt.

Dennoch hatte Kästner sicher Recht, als er in den Sechzigerjahren einem Filmproduzenten verweigerte, den Stoff in die Gegenwart zu transponieren. Sein „Fabian“ ist eine düstere Milieustudie des Berlins jener Zeit, der Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, der Straßenkämpfe und Bordellexzesse.

Mit dem heutigen Wissen um alles, was folgte, liest sich der Roman erst recht als das, was er damals schon sein sollte: das Menetekel, die Schrift an der Wand. Der Moralist findet hier keine Orientierung mehr. „Er sieht, dass die Zeitgenossen, störrisch wie die Esel, rückwärts laufen, einem klaffenden Abgrund entgegen, in dem Platz für sämtliche Völker Europas ist“, schreibt Kästner 1931 in seinem Nachwort für die Sittenrichter. Seinen Fabian lässt er ertrinken, um seinen Lesern zuzurufen: Lernt schwimmen! Doch bekanntlich folgte der Untergang.

Neben seiner beißenden Zeitkritik hat dieser Roman auch eine menschliche, zeitlose und überhaupt nicht satirische Seite: die Freundschaft zwischen Fabian und Labude und ihr tödliches Ende sowie die ungeheuer zarte und zutiefst traurige Liebesgeschichte von Fabian und Cornelia, die sich lieber verkauft als zu verhungern.

Das Wissen um den katastrophalen Ausgang nimmt dem Roman auch 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von seiner Faszination und Spannung, denn wie schreibt der Autor im zweiten, einst ebenfalls gestrichenen „Nachwort für die Kunstrichter“? „Das Leben ist interessant, das ist das einzig gute Haar in der Suppe, die wir auszulöffeln die Ehre haben.“

Nicole Langenbach

Erich Kästner: „Der Gang vor die Hunde“, herausgegeben von Sven Hanuschek. Atrium Verlag, 310 Seiten; 22,95 Euro.

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