+
Als singender Dirigent bestritt Peter Schreier das letzte Drittel seiner Karriere. Am Ersten Weihnachtsfeiertag ist er mit 84 Jahren gestorben.

„Bitte keine Schönsingerei“: Erinnerungen an Peter Schreier

  • schließen

Mit München verband ihn viel, vor allem durch seine Auftritte beim Bach-Chor: Erinnerungen an den Jahrhundertinterpreten Peter Schreier.

München/Dresden - Bei seinem letzten Münchner Auftritt saß er. Das hatte nichts mit der Gesundheit zu tun. Peter Schreier war im Oktober 2015 zu Gast beim Orgelherbst. In einem Veranstaltungsraum der Michaelskirche plauderte er an diesem Sonntagvormittag nicht nur über die Karriere, sondern auch über seine letzte musikalische Instanz. Und die war Bach. Wobei plaudern: Schreier hatte genaue Vorstellungen von dem Termin, das tat er im Vorabgespräch so liebenswürdig wie bestimmt kund. Zum Beispiel davon, welche Musikausschnitte gespielt werden sollten, gern einer mit ihm als Knabenalt im Dresdner Kreuzchor. Dazu lauschte Schreier dann vor Publikum, nicht selbstvergessen, eher selbstbewusst und auch ein bisschen kritisch.

In diesen Minuten fiel alles zusammen, was die Karriere dieses Künstlers ausmachte: Reflexion, Kontrolle, Vorbereitung, Qualitäts- und Technikbewusstsein und eine immer wieder aufs Neue erwachende Lust am singenden Vortrag. Dabei hätte er, der wie berichtet am Ersten Weihnachtsfeiertag mit 84 Jahren gestorben ist, allen Grund zu Routine gehabt. Wie oft er die Passionen Bachs und dessen Weihnachtsoratorium gesungen hat, das wusste Schreier nicht einmal selbst genau. Als Evangelist war er ein Jahrhundertinterpret, weil er sich als mitfühlender, aber nicht in Emotionen verlierender Erzähler begriff.

Jedes Konzert wirkte so frisch, so gefangen vom unsagbaren Geschehen, so religiös hinterfragt, als singe Schreier alles zum ersten Mal. Und die Konzertbesucher hingen an seinen Lippen, obgleich viele den Bibeltext auswendig parat hatten. Auf Schreier konnten die Berufsverkündiger der Konfessionen neidisch werden.

Halbherziges ließ er nicht durchgehen

München fühlte sich Peter Schreier besonders verbunden. Hier sang er während der Sawallisch-Zeit oft an der Staatsoper, hierher kehrte er immer wieder zum Bach-Chor zurück. Unter Ensemblegründer Karl Richter war Schreier Dauergast – obgleich sich seine musikalischen Vorstellungen später himmelweit von Richters romantisierendem Schwerlastverkehr unterschieden. Als Dirigent durfte Schreier dies schließlich verwirklichen. Da verband er (nicht nur beim Barock) die emphatische sächsische Musiziertradition mit der Klangrede eines Nikolaus Harnoncourt, unter dem er oft gesungen hatte.

Im letzten Karrieredrittel riskierte Peter Schreier eine Besonderheit. Sowohl in den Passionen als auch im Weihnachtsoratorium trat er als dirigierender Evangelist auf. Beim BR-Symphonieorchester wurde er dafür engagiert und mehrfach beim Münchener Bach-Chor. Allein die Vorbereitung auf die Konzerte verblüffte. Schreier probierte auswendig. Falsche Töne wurden mit einem Lächeln quittiert. Was er aber nicht durchgehen ließ: Gleichgültigkeit, blindes Vertrauen auf Noten und Text, halbherzige Emotion. Sehr ernst, sehr insistierend konnte Schreier dann werden, auch unwirsch. Und manchmal, wenn er sich zu viel verausgabte, passierte es, dass er im Chor nach einem Stück Traubenzucker fragte. Die Diabetes-Erkrankung, sie hatte er in solchen intensiven Momenten fast vergessen.

Zentralgestirn seiner Bach-Aufführungen

Im Konzert selbst war Peter Schreier dann Mittelpunkt und Zentralgestirn: dem Publikum zugewandt, rechts und links vom Chor flankiert, vor ihm das Orchester. Ein paar ermunternde Auftakte, dann liefen die Nummern. Auch weil Schreier in seinen Evangelistenworten so zwingend auf Chor- und Solo-Stücke hinleitete, sie emotional vorbereitete, dass man gar nicht anders konnte, als seinen Duktus aufzunehmen. Als Gedächtnisstütze lag vor Schreier nicht die Partitur, er hatte sich Stichworte und Satzanfänge markiert. Ob Jesus gerade hinein- oder hinausging, da konnte man als Erzähler solcher Riesenwerke schon mal durcheinanderkommen.

„Eine gute sprachliche Artikulationsgabe“ müsse ein Evangelist mitbringen, sagte Schreier einmal im persönlichen Gespräch. „Bewusstsein für den musikalischen und textlichen Hintergrund.“ Eine angenehme Stimme sei nicht schlecht, aber: „Er soll sich bitte keine Schönsingerei vornehmen.“ Schreiers Stimme hielt diesen unzähligen Verausgabungen stand, weil er nie Grenzen übertrat. Er wusste, wo er unschlagbar war – bei Bach und im Lied. Und wo es nur bei Seitensprüngen bleiben durfte – zum Beispiel bei Wagners „Rheingold“-Loge: Eine derart sarkastische, teuflische Charakterstudie hätte man dem ehemaligen Kruzianer nie zugetraut.

Am Ende, nachdem er mit über 70 von der Bühne Abschied genommen hatte, war Peter Schreier mit sich im Reinen. „Vielleicht bleibe ich einfach mal zu Hause“, sagte er. „Wäre für mich doch eine neue Erfahrung.“ Nach einer schweren Lungenentzündung und zwei Schlaganfällen hatte er sich ins Leben zurückgetastet, das er in seinem Dresdner Domizil genießen konnte. Vor allem, weil er ja als Berichterstatter aus einer goldenen Vokal-Ära noch gefragt war – musikalische Rückfälle ausgeschlossen, wie er lächelnd erläuterte: „Ich singe nicht mal im Bad.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konzerte 2020: Stars spielen im Ruhrgebiet - aber nicht auf Schalke
Das Konzert-Jahr im Ruhrgebiet ist voll mit Highlights. In Dortmund und Oberhausen stehen die Stars Schlange. Nur die Arena auf Schalke geht fast leer aus. 
Konzerte 2020: Stars spielen im Ruhrgebiet - aber nicht auf Schalke
Diese beiden Stars kommen Pfingsten zum Zeltfestival nach NRW
"KulturPur" - eines der größten Zeltfestivals Europas - erlebt vom 26. Mai bis 1. Juni die 30. Auflage. Jetzt steht fest, welche Stars in den südlichsten Zipfel von NRW …
Diese beiden Stars kommen Pfingsten zum Zeltfestival nach NRW
Nach dem Tod von Mariss Jansons: Thronfolger gesucht
Für das BR-Symphonieorchester ist der Tod von Mariss Jansons aus mehreren Gründen der GAU. Wer kann und soll ihn beerben?
Nach dem Tod von Mariss Jansons: Thronfolger gesucht

Kommentare