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Kultur auf der Isar-Insel: So präsentiert sich der Bau heute.

Erinnerungen an einen legendären Saal

München - Orchestermusiker Bernd Herber blickt mit gemischten Gefühlen zurück auf die Zeit im Kongresssaal. Derweil favorisiert Kunstminister weiter den Abbruch des Gebäudes.

Zum Beispiel Carlos Kleiber. Auf einem Stühlchen hockte der große Schwierige, mitten unter den Mitgliedern des Bayerischen Staatsorchesters in einem schmucklosen Raum neben der Bühne. Bereit zum Auftritt – und wie immer von Lampenfieber gebeutelt. Oder der völlig losgelöste Leonard Bernstein anno 1976 am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: ein Beethoven-Programm von der dritten Leonoren-Ouvertüre übers vierte Klavierkonzert (mit Claudio Arrau) bis zur Fünften. „Einen Furor hat der entfacht, so etwas habe ich dann kaum mehr erlebt“, sagt Bernd Herber.

Und das will was heißen: Herber, Mitglied der ersten Geigengruppe beim BR, ist Münchens wandelndes Musiklexikon. In allen drei großen Ensembles hat er gespielt. Im Staatsorchester oder als Aushilfe bei den Philharmonikern; 1975 kam er schließlich zu den BR-Symphonikern. Und dabei saß er immer wieder im Kongresssaal des Deutschen Museums, an jenem legendären Konzert-Ort, der nun wiederbelebt werden soll.

„Die Wiederbelebung dieses Konzert-Ortes wäre wunderbar“: Bernd Herber, Mitglied des BR-Symphonieorchesters, spielte häufig im Kongresssaal.

Kleiber, Bernstein, Dietrich Fischer-Dieskau, Rudolf Kempe, der junge Lorin Maazel, Karl Richter mit dem Bach-Chor, diese Namen kommen Herber sofort über die Lippen, wenn er auf den Saal angesprochen wird. Schwärmerische Erinnerungen an „enorme Künstlerpersönlichkeiten“ sind das, weniger an das – durchaus gewöhnungsbedürftige – Ambiente des Raumes. „Gut, die dumpfe Atmosphäre hat etwa bei der Matthäus-Passion die Weihe des Karfreitags unterstrichen“, sagt der heute 60-Jährige. „Aber das hohe Podium und die düsteren Malereien haben mir nicht so behagt.“

Seinen ersten Einsatz im Kongresssaal hatte Bernd Herber Ende der 60er-Jahre. Ein Festkonzert des Gärtnerplatztheaters war das, Bernd Gellermann, später Mitglied der Berliner und noch später Intendant der Münchner Philharmoniker, saß auf der Konzertmeister-Position. Überhaupt, so erzählt Herber, habe sich Münchens Musikleben seinerzeit anders angefühlt. „Familiärer“ sei alles gewesen, die drei großen Orchester seien enger miteinander verwachsen gewesen. „Es gab außerdem kaum Gastspiele auswärtiger Ensembles, da wurden die eigenen ganz anders wahrgenommen.“

Auch für Bernd Herber, den gebürtigen Münchner, war der Kongresssaal ein Brennpunkt des hiesigen Musiklebens. Anfangs fanden dort sogar noch die Akademiekonzerte des Staatsorchesters statt, bis Wolfgang Sawallisch eine Verlegung ins Nationaltheater verfügte. Damals schnitt im direkten Vergleich der Herkulessaal besser ab als sein großer Bruder am Deutschen Museum – so wie jetzt die Philharmonie gegenüber dem Herkulessaal das Nachsehen hat. Vor allem aus akustischen Gründen, wie Herber betont, habe es die Musiker in den kleineren Raum der Residenz gezogen. Aber auch was Architektur und Nebenräume betrifft: „Das Drumherum im Kongresssaal war sehr bescheiden.“ Nur einen einzigen großen Umkleideraum habe es fürs Orchester gegeben – heute wäre ein solches „Zusammenspannen“ von weiblichen und männlichen Ensemblemitgliedern undenkbar. Wurde es mal dringend, musste man die weit entfernte Publikumstoilette benutzen. Und wenn das Fernsehen ein Konzert aufzeichnete oder übertrug, stießen sich die Bildregisseure am grau-braun-grünen „Charme“ der Bühne: Extra-Kulissen wurden aufgestellt, um den Saal aufzuhübschen. So etwa 1987, als Leonard Bernstein Schuberts große C-Dur-Symphonie beim BR dirigierte – während ihm hinter der Bühne eine wertvolle Uhr gestohlen wurde, die ihm sein Mentor Dimitri Mitropoulos geschenkt hatte.

Mag sich also Bernd Herber, wie manch anderer Musiker auch, mit leuchtenden Augen in Erinnerungen an den Museumssaal mit seinen Stars verlieren: „Mein Herz hing nie am Kongresssaal“, bekennt der Geiger. Gleichwohl hält er eine Wiederbelebung dieses Konzert-Ortes für eine wunderbare Sache – und das nicht nur, weil Herber Mitglied des heimatlosen BR-Symphonieorchesters ist.

Ein Neubau müsse her, das findet nicht nur Herber, das meint auch Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP). Nachdem die Saal-Arbeitsgruppe zwei Standort-Alternativen vorgeschlagen hat, werden in den nächsten Wochen dennoch drei Versionen geprüft: der (aussichtslose) Finanzgarten, eine Entkernung des Kongresssaales und ein Abriss mit Neubau. Nicht nur Heubisch denkt dabei an die Verpflichtung eines Star-Architekten, um auf der Isar-Insel ein spektakuläres Zeichen zu setzen. Allein: Der Denkmalschutz mauert noch, wie in der vergangenen Woche berichtet.

Im Kunstministerium freilich will man sich von solchen Bedenken die Pläne nicht verhageln lassen. Das Finanzielle und das Planungsprozedere, so glaubt man, lasse sich konfliktarm regeln. Immerhin gebe es da Verleger Hubert Burda, Mitglied des Museumskuratoriums, TU-Präsident Wolfgang Herrmann, Vorsitzender des Verwaltungsrates, sowie Unternehmensberater Roland Berger – einflussreiche Mitstreiter, wie Wolfgang Heubisch hofft, mit denen sich alle Hürden schnell beiseiteräumen lassen.

Markus Thiel

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Maria Callas ist in diesem Saal aufgetreten, aber auch Howard Carpendale; The Who rockten dort, und Wilhelm Furtwängler wurde gehuldigt; Kinder schickte man schulklassenweise in die Jugendkonzerte der Münchner Philharmoniker: Unzählige Konzertbesucher wurden im früheren Kongresssaal des Deutschen Museums quasi musikalisch sozialisiert. Welche nostalgischen Erinnerungen haben Sie an diesen Saal? Was halten Sie davon, dass dieser legendäre Konzert-Ort wiederbelebt werden soll? Schreiben Sie uns doch einfach. Entweder unter Münchner Merkur, Kulturredaktion, Stichwort „Kongresssaal“, Paul-Heyse-Straße 2-4, 80336 München, unter der Faxnummer 089/ 5306-8655 oder unter kultur@merkur.de. Die schönsten Einsendungen wollen wir veröffentlichen – je knapper und prägnanter also, desto besser und aussichtsreicher.

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