Erkämpfte Wahrheit

- "SS-Bankert" wurde sie von ihrem Onkel geschimpft, die Nachbarn in Bad Tölz sprachen von dem "Norwegerkind", und in der Schule wurde sie verspottet, weil sie nicht wusste, wie ihr Vater heißt. Früh bekam Gisela Heidenreich zu spüren, dass etwas mit ihr "nicht stimmte", sie anders war als die anderen Kinder: ein "Lebensborn"-Kind.

<P>Geboren wurde sie 1943 in Oslo, wohin die Mutter "dienstlich" versetzt wurde, um ihre Schwangerschaft aus der Verbindung mit einem verheirateten SS-Offizier zu verbergen und das Kind in einem dort von den Nazis errichteten Heim zu gebären.</P><P>"Das endlose Jahr" hat Gisela Heidenreich ihre Lebensgeschichte genannt, nach dem Titel einer Ausstellung in Oslo, die sie auf einer "Versöhnungsreise" mit ihrer Mutter besichtigt hat. "Endlos" nannten die Norweger das Jahr 1943, in dem sich jeder Widerstand als zwecklos erwiesen und die Bevölkerung unter der deutschen Besatzung immer mehr zu leiden hatte.<BR>Mit dieser Reise beginnt Heidenreich die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, die zugleich ein immer noch unzureichend erforschtes Stück deutscher Geschichte ist. Hartnäckig hält sich die Legende, die Lebensborn-Häuser seien "Zuchtanstalten" gewesen, in denen SS-Männer mit BDM-Mädchen zusammengeführt wurden, um "rassereine Arier" zu zeugen. Ob es solch gezielte Zusammenführungen gab, ist nicht bewiesen. Außereheliche Beziehungen, wie Heidenreichs Eltern sie hatten, wurden aber offenbar gefördert, Nachwuchs war erwünscht.</P><P>Späte Begegnung mit dem Vater</P><P>Doch war ihre Mutter nicht nur Nutznießerin des Lebensborn, sie war, wie die Tochter erst sehr spät erfährt, auch aktive Mitarbeiterin, zuständig für die Adoptionsverfahren. Dazu wurden nicht nur die Kinder lediger Mütter freigegeben, sondern auch solche, die man ihren Familien einfach entriss. Zur "Aufnordung" der deutschen Bevölkerung kamdies in Norwegen besonders häufig vor, aber auch andere Kinder, beispielsweise von Widerstandskämpfern, ereilte dieses Schicksal. Auf der verzweifelten Suche nach seiner wahren Identität meldet sich eines von ihnen 1995 bei Heidenreichs Mutter _ und öffnet damit der Tochter die Augen. Die Erkenntnis über die Tätigkeit ihrer Mutter im Lebensborn ist der traurige Höhepunkt einer lebenslangen Suche nach Wahrheit.</P><P>Schon im zarten Alter von drei Jahren muss Gisela Heidenreich mit der ersten Lüge über ihre Identität fertig werden und versuchen zu begreifen, dass ihre geliebte Mutti ihre Tante und ihre im fernen München lebende Tante ihre Mutti ist. Nach ihrer Rückkehr aus Norwegen hatte die Mutter das Kind bei ihrer Schwester abgegeben. Als deren Mann drei Jahre später aus dem Krieg heimkehrt, duldet er das "SS-Bankert" nicht unter seinem Dach. Die echte Mutter wird kurz darauf von der amerikanischen Militärpolizei abgeholt und in Nürnberg vor Gericht gestellt. Was es mit dieser "Dienstreise" auf sich hat, erfährt die Tochter 50 Jahre später. Vorerst wird die Oma ihre "Mama".</P><P>"Das endlose Jahr" ist vor allem eine quälende Mutter-Tochter-Geschichte. Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind ein Leben lang verleugnet, die sich ihre eigene Lebensgeschichte aus immer neuen Lügen so konsequent zusammenbaut, dass sie am Ende selbst daran glaubt.<BR>Und es ist natürlich die Geschichte der Tochter, der die Identität geraubt wurde und die sich in einem lebenslangen Prozess zumindest einen Ansatz von Wahrheit über ihre Herkunft und ihre Eltern erkämpft. Es ist ein schmerzhafter Kampf, in dem sie immer wieder zurückschreckt, zaudert, irgendwann zusammenbricht. Die Wahrheit ist etwas sehr Relatives und der Umgang mit ihr unendlich schwer.</P><P>Eine der berührendsten Passagen dieses Buches ist die späte Begegnung mit dem Vater: wie das unendliche Glück über dieses von frühester Kindheit an erträumte Treffen mit einem freundlichen alten Herrn in eine späte Liebe mündet, die aber auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es sich bei dem ersehnten Vater um einen ehemaligen SS-Offizier handelt.</P><P>Geschickt zwischen den Zeitebenen wechselnd und angenehm unaufdringlich ihr Fachwissen als Psychologin einbringend, erzählt Gisela Heidenreich ihre sehr persönliche Geschichte, die zugleich eine sehr deutsche ist. Nämlich die eines Generationenkonfliktes nach 1945, von dem verzweifelten Versuch zu verstehen und dem schmerzhaften Vermögen zu verzeihen. Eine Konfrontation, der man sich nicht entziehen kann.</P><P>Gisela Heidenreich: "Das endlose Jahr". Scherz Verlag, Bern, München, Wien; 320 Seiten, 19,90 Euro.<BR><BR></P>

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