Das Ei der Erkenntnis

- Siegfried pinkelt ins versiffte Klo, zuckt im Rhythmus seiner Walkman-Musik und schmiedet sein Schwert "Notonk" - so kritzelt er`s an die Wand - unter der Motorhaube eines ausgeschlachteten US-Schlittens. Kein Wunder, denn Ziehpapa Mime frisiert alte Schrottkisten und haust mit dem pubertierenden Lümmel direkt hinter der Werkstatt. Hier zog er das "zullende Kind" auf, das dieses Gebetsmühlen-Geleiere nicht mehr hören kann, sich die Knöpfe in die Ohren steckt und einen Schluck aus dem stets griffbereiten Tetrapack nimmt. It`s Gag-Time denkt sich David Alden und verjuxt den ersten Akt von Wagners "Siegfried" auf Teufel komm raus.

<P>Er müllt ihn zu mit Albernheiten, Assoziationen und manchem Déjà-vu, was zwar zuweilen zum Lachen, doch weit öfter zum Widerspruch reizt. Der machte sich in der Premiere des dritten Abends der "Ring"-Tetralogie im Münchner Nationaltheater schon nach dem ersten Akt in spontanem Buhgeschrei Luft. Auch wenn die Gegner bis zum Ende nicht verstummten, nahm "Siegfried" doch einen ganz anderen Lauf, als zunächst befürchtet. </P><P><BR>Alden erhielt von Peter Jonas freie Hand, die Staatsoper aus ihrem "Ring"-Desaster - Herbert Wernicke inszenierte vor seinem Tod nur "Rheingold" und konzipierte die "Walküre" - zu erlösen; zunächst sich zu lösen vom dominierenden Einheitsbild, dem nachgebauten Bayreuther Zuschauerraum. Zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Gideon Davey erfand Alden gleich mehrere kühne, rätselvolle Bildwelten, hinter denen Bayreuths Säulen nur mehr zitathaft aufscheinen. Schon in der schäbigen Wohnküchen-Schrottwerkstatt, wo Alden das Gelaber läppisch-plump aufmischt, gibt es Momente, in denen die innere Not der Figuren - Siegfrieds Identitätskrise, Wotans Verzweiflung, Mimes Hilflosigkeit - aufhorchen lassen. <BR><BR>Im wahrsten Sinne, denn immer dann ist Zubin Mehta beteiligt. Er rollt mit dem Staatsorchester den leitmotivisch durchwebten Parlando-Teppich aus, auf dem die Sänger sicher, gut hörbar und meist textverständlich Tritt fassen können. Strenger, weniger aktionistisch, dabei nicht ohne Ironie, Witz und mit tieferer Bedeutung geht Alden den zweiten Akt an. Da hocken Alberich (präsent: Franz-Josef Kapellmann) und der Wanderer im Penner-Outfit in einem Wartesaal, auf orangefarbenen Schalenstühlen vor einem riesigen Wand-Kalender mit Rousseau-Druck. </P><P>Der wird zur Kasperltheater-Bühne für Jung-Sigi und Mime mit Pickelhaube (äußerst spielfreudig: Helmut Pampuch). Schließlich für das beschwipste Waldvöglein, das sich aus einem der zahlreichen (Drachen-)Eier vor der Neidhöhle gepellt hat. Inspiriert von Hieronymus Bosch lassen Alden und Davey die Eier laufen - auf graziösen Ballettbeinen oder dick behaarten Riesenfüßen. Ein surreales Ambiente, im dem Siegfried, immer noch auf der Suche nach seinen Ursprüngen, sich sanft an ein Ei schmiegt, ein anderes köpft und die Überraschung auffuttert. Nur das dickste, extra von einer Brutlampe besonnte, sprang bei der Premiere nicht auf. <BR><BR>Doch der tödlich getroffene "Wurm" Fafner wird als Intensivpatient an der Eigenblut-Strippe im Krankenbett hereingerollt, umsorgt von Schwester Mime und Doktor Alberich. Doch so sehr die beiden auch nach dem Erbe gieren, das holt sich Siegfried und eine goldglänzende, blinklichternde Elvis-Jacke dazu. So ausstaffiert und immer noch furchtlos wagt er sich Richtung Walkürenfelsen. Daran hindert ihn selbst ein noch so aufgebrachter Wotan nicht. Der hat Erda (Anna Larsson) auf die Klappcouch gezerrt. Aber die Wissende verweigert wohltönend jede Lebenshilfe. Spannend gerät nicht nur diese Auseinandersetzung, sondern jede, an der der wilde Wanderer beteiligt ist. Als grandioser, auch das Pathos füllender Charakter-Darsteller verdrängt John Tomlinson seine unüberhörbaren stimmlichen Probleme und sichert sich seinen Platz im Olymp. <BR><BR>Immerhin hinterlässt er in München würdige Nachfahren: Wunschmaid Gabriele Schnaut und Stig Andersen als Enkel Siegfried. Sie treffen einander vor rot-schwarzem Rundhorizont, (n-)irgendwo auf einer Straße (mit Ampel und Zündel-Verbotsschild!), in die sich fluxusmäßig ein Auto gebohrt hat. Dort halluziniert sich der Ich-Sucher, der Plüsch- und Plastik-Monster hinter sich gelassen hat und mit dem Schwert zum Helden geworden ist, das Objekt seiner Begierde: ein Weib. Spät erst schickt der Regisseur Brünnhilde hinaus, den Traum zu füllen, den Siegfried träumt. </P><P>Androgyn ausstaffiert mit schwarzem Nadelstreifenanzug und Pagenfrisur schält sie sich aus der Tarnung, steht schließlich im schwarzen Unterkleid da. Und auch wenn mädchenhafte Furcht der stattlichen Gabriele Schnaut schwer abzukaufen ist, lotst Alden sie geschickt aus der Affäre und lässt sie mit Siegfried voll Übermut vom Felsen springen. <BR><BR>Ausgeruht setzt sie ihren mächtigen Sopran äußerst differenziert ein und mobilisiert beim schon zwei Akte lang aktiven Stig Andersen letzte Reserven. Der jungenhafte Sänger ist als Typ ideal: lässig, aufsässig, aggressiv, nachdenklich, unsicher - kurzum pubertär. Leider fehlt seinem matt-getönten, naturhaften Tenor der Glanz, meistert er - in den Schmiedeliedern noch frisch - die Höhen zuletzt nur noch mit arger Kraftanstrengung. <BR><BR>Doch Zubin Mehta lässt ihn selbst im dritten Akt nicht untergehen. Obwohl Mehta in der Fortissimo-Ekstase abbremst, genießt er zuvor neben wunderbar gesponnenen Pianissimi auch die großen dramatischen Aufgipfelungen, in denen er dem Staatsorchester freien Lauf lässt. Zur Freude des Publikums. <BR></P>

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