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Livia Hofmann-Buoni ist eine der sechs Protagonisten in der Theaterinstallation „Dunkelkammer“. Die 1938 in Rom geborene Konzertpianistin begleitet den Abend unter anderem am Klavier – ihr Blindenhund liegt dann entspannt zu ihren Füßen.

Erkenntnisse in der Finsternis

München - Dries Verhoevens Theaterinstallation „Dunkelkammer“ wurde in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele uraufgeführt. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Die Definition ist so einleuchtend wie bekannt: „Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist“, formulierte Theater-Legende Peter Brook. Damit mag sich manches begreifen lassen – die Arbeiten des Niederländers Dries Verhoeven gehen über dieses Theaterverständnis jedoch hinaus. Ihm geht es weniger um das Geschehen auf der Bühne, als vielmehr um das, was sich in jedem einzelnen Zuschauer abspielt. „Theaterinstallationen“ nennt er seine Aufführungen, bei denen das Publikum Teil des Geschehens ist, bestenfalls zurückgeworfen wird auf sich selbst, die eigenen Gefühle und Gedanken.

Vor zwei Jahren gewann Verhoeven, Jahrgang 1976, mit „You Are Here“ den Young Director’s Award der Salzburger Festspiele. Jetzt feierte seine „Dunkelkammer“ in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele ihre Uraufführung.

Die Besetzung

Regie und Rauminstallation: Dries Verhoeven.

Texte: Tim Etchells

und Ensemble.

Dramaturgie: Koen Tachelet. Darsteller: Bernhard Claus,

Livia Hofmann-Buoni, Saïd Gharbi, Leslie Mader, Gerlinde Sämann, Manuela Schemm.

Es sind verwirrende, poetische, erhellende und manchmal enervierende 90 Minuten. Sechs blinde Protagonisten nehmen die Zuschauer, die auf fest montierten Barhockern um die Spielfläche sitzen, mit in ihre Welt. Wirkt der Abend zu Beginn noch unentschlossen und zerfasert, gewinnt er zum Ende an Kraft und Konzentration. Zunächst sind die Rundum-Aufnahmen einer 360-Grad-Kamera zu sehen, die Gerlinde Sämann und Bernhard Claus auf einem Wagen vom Hofgarten in die Spielhalle an der Falckenbergstraße ziehen: Zwei Blinde auf dem Weg durch München, der Stadt des Sehens und Gesehen-Werdens: „Der Großteil der sehenden Menschen hat ein unstillbares Verlangen, gesehen zu werden“, heißt es einmal im Text. Es strengt an, den in den Zuschauerraum projizierten Aufnahmen dieses Spaziergangs zu folgen, denn die Spielhalle ist kein Kino, ihre Wände sind unterbrochen von Balkonen, Rohren, Leitern. Die verzerren das Bild. Das nervt die Augen, während Sämann über die Mechanismen des Sehens und der Wahrnehmung spricht. Es ist eine Wohltat, als der Kamerawagen endlich in der Halle eintrifft, zum Stillstand kommt und bald ausgeschalten ist.

Im Dämmerlicht und stellenweise kompletter Finsternis liegt die Konzentration nun ganz auf den Protagonisten, die über sich und ihr Leben sprechen. Zunächst geht es um die schlichte Beschreibung des Äußeren, dann um Träume, Wünsche, Hoffnungen, bis die sechs schließlich beim Umgang der sehenden Mehrheit mit blinden Menschen sind: Während die einen glauben, Blinde seien Engel, die „nie etwas klauen könnten“, bieten andere auch am Rand der Tanzfläche noch ihre Hilfe an – obwohl die blinde Frau nur trinken, tanzen, flirten will. „Das ist doch kein Krankenhaus.“

Die Texte, die als Anekdoten daherkommen, sowie die direkte Art der sechs Protagonisten lassen die Zuschauer auch in der Dunkelheit zu Sehenden werden. Und als am Ende Bernhard Claus als Erster den Raum verlässt und das grelle Licht des Foyers in die Spielhalle knallt, schmerzen die Augen.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen: 4. sowie am 5., 9., 10., 14., 15. und 16. Oktober;

Telefon 089/ 233 966 00.

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