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„Die Zuschauer schätzen es nicht, wenn zu viel gestritten wird“: BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb im Gespräch mit MM-Chefredakteur Karl Schermann (r.) und MerkurRedakteur Rudolf Ogiermann.

„Erklären, erklären, erklären“

Sigmund Gottlieb , Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, über Informationssendungen in Zeiten der Krise

Alle reden von Rezession, im Fernsehen dagegen herrscht Hochkonjunktur vor allem im Bereich der politischen Gesprächssendungen. Und vor der Wahl soll es noch mehr davon geben. Doch wieviel Information, wieviele Polittalks will der Zuschauer überhaupt (noch) sehen? Ein Gespräch mit Sigmund Gottlieb (57), Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens.

-Der Marktanteil des Bayerischen Fernsehens insgesamt lag zuletzt bei rund sieben Prozent, die „Münchner Runde“ bei 6,6 und ein politisches Magazin wie „Kontrovers“ bei 5,4 Prozent. „Dahoam is dahoam“ erreicht dagegen bis zu 20 Prozent Marktanteil. Macht es Sie nicht manchmal melancholisch, dass Sie solche Quoten nicht erreichen?
Nein. Wir erreichen einen starken Marktanteil. Die „Rundschau“ ist an vielen Tagen die meistgesehene Sendung. Natürlich nutzen wir – und nicht nur wir – die Unterhaltung als Trailer für die nachfolgende Informationssendung. Dass das funktioniert, sieht man ja am Sonntagabend in der ARD , wo „Anne Will“ auf den „Tatort“ folgt. Einen ähnlichen Effekt hat bei uns „Dahoam is dahoam“ täglich zwischen 19.45 Uhr und 20.15 Uhr.

-Und das funktioniert?
Das funktioniert. Das Bayerische Fernsehen hat damit einen stabilen dritten Platz im Ranking der Dritten. Das finde ich angesichts des starken Akzents auf Information in unserem Programm höchst bemerkenswert. Und dass es richtig war, uns so zu positionieren, zeigt sich ja jetzt in der Wirtschaftskrise, in einer Zeit, in der die Menschen nach Orientierung suchen.

- Nehmen wir einmal die „Münchner Runde“. Die kommt ja sehr ausgewogen daher. Ist es eigentlich in Ordnung , dass man hinterher meistens so schlau ist wie zuvor?Ist diese Form der Talkrunde noch zeitgemäß?
Es gab tatsächlich eine Zeit des Überdrusses an Diskussionsrunden. Aber das ist jetzt vorbei. Außerdem haben wir festgestellt, dass die Zuschauer es nicht schätzen, wenn zu viel gestritten wird. Die meisten negativen Zuschriften bekommen wir nach Sendungen, in denen sich die Diskutanten heftig gefetzt haben. Die Leute wollen, dass man ihnen etwas erklärt, sie wollen einen klugen Austausch der Argumente. Unsere Aufgabe ist es, Gesprächspartner einzuladen, die ihre unterschiedlichen Standpunkte so darlegen, dass sich die Zuschauer ein eigenes Bild machen können.

-Müssen das denn immer Politiker sein?
In der Zeit, als Talkrunden eine geringere Resonanz hatten, haben uns schlaue Leute geraten, uns doch weniger Politiker und mehr Experten in die Runden zu holen. Das ist aus zwei Gründen nicht praktikabel. Erstens haben wir einen Auftrag, den politischen Diskurs abzubilden. Zweitens sind auch Expertenmeinungen letzlich ein Spiegel der politischen Diskussion, nur dass die Zuschauer das nicht so leicht durchschauen.

-Aber wie wollen Sie der zunehmenden Ritualisierung solcher Runden entgegenwirken? Wäre es nicht besser, nur einen oder zwei Gäste einzuladen und ein Thema wirklich ganz intensiv zu bearbeiten?
Ich glaube schon, dass es uns gelungen ist, die Dramaturgie zu verändern und dafür zu sorgen, dass sich ein Diskussionsverlauf eben nicht vorausberechnen lässt. Dazu gehört auch, neue, junge, Köpfe einzuladen. Darüber hinaus setzen wir ja schon verstärkt auf Einzelgespräche, wir hatten Altkanzler Helmut Schmidt in der Sendung, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und zuletzt den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer . Wir haben auch öfter Zweiergespräche, bei denen es konfrontativ zugeht.

- Sie verantworten ja nicht nur die „Münchner Runde“, sondern das gesamte Informationsprogramm. Wir reagieren Sie sonst auf die Wirtschaftskrise?
Beispielsweise, indem wir seit einem Vierteljahr jeweils freitags in der „Rundschau“ und im „Rundschau Magazin“ in der Rubrik „Lichtblick aus Bayern “ positive Beispiele aus der bayerischen Wirtschaft vorstellen. Da geht es um Unternehmer, Mittelständler, Handwerksbetriebe, die der Krise widerstehen. Ansonsten müssen wir erklären, erklären, erklären.

- „Die gute Nachricht“ sozusagen.
Wir hören ja seit Jahren in jeder Diskussion: „Wo bleibt das Positive?“ Ich glaube, dass es bei unseren Zuschauern noch nie so viel Akzeptanz für positive Nachrichten gab. Und dem müssen wir Rechnung tragen. Ich halte es für unverantwortlich, davon auszugehen, dass sich nur mit Katastrophenberichterstattung Quote machen lässt. Und trotzdem müssen wir natürlich die Wirklichkeit abbilden. Alles andere widerspräche unserem journalistischen Ethos.

-Es gibt ja im Fernsehen neuerdings das von RTL mit der Kanzlerin bereits praktizierte Modell des Hearings, bei dem nicht nur die Moderatoren, sondern auch die Zuschauer zuhause oder das Publikum im Studio direkt Fragen an die Politiker stellen können. Wird es so etwas bei Ihnen auch geben?
Wir sind noch mitten in der Planung für die Bundestagswahl, und ob wir das in der Form eines Hearings machen, ist noch nicht entschieden.

-Wird sich die Kanzlerin Ihren Fragen stellen?
Wir haben sowohl Angela Merkel als auch Frank-Walter Steinmeier angefragt. Mal sehen, ob wir es schaffen, die beiden zu bekommen. Vor vier Jahren ist es uns gelungen, sowohl den damaligen Kanzler als auch die damalige Herausforderin zu uns in die „Münchner Runde“ einzuladen. Damals hatten wir eine außerordentlich hohe Akzeptanz.

-Das führt zu der Frage, in welchem Umfang beim BR auch Themen von bundes- oder weltpolitischer Bedeutung behandelt werden.
Das Informationsbedürfnis der Bayern hört ja nicht in Lindau , Aschaffenburg, Hof oder Garmisch-Partenkirchen auf. Wir bieten in erster Linie Information aus Bayern , aber wir bieten natürlich auch Information aus Deutschland und der Welt – aus der bayerischen Perspektive. Das heißt, wenn wir in der „Rundschau“ über Ereignisse und Entwicklungen in Berlin berichten, dann fragen wir nach den Auswirkungen auf Bayern und seine Bürger. Ich kann in Zeiten der Krise den Blick nicht nur auf den eigenen Kirchturm richten, ich muss Zusammenhänge erklären. Das sind wir unseren Zuschauern in Bayern schuldig.

-Der BR muss sparen – wie andere ARD-Anstalten auch –, einige Formate sind bereits eingestellt worden. Spüren Sie den Sparzwang auch in Ihrem Bereich?
Ja, natürlich. Auch wir müssen prüfen, was wir uns noch leisten können und was nicht mehr.

-Was können Sie sich nicht mehr leisten?
Wir haben noch keine Streichlisten erarbeitet, aber wir müssen uns überlegen, ob wir Dinge, die wir bisher der ARD angeboten haben, auch künftig noch anbieten können. Und wir müssen noch mehr unser Augenmerk darauf richten, jenseits der Aktualität repertoirefähiges Programm zu produzieren, das heißt, Sendungen, die auch in der Wiederholung noch attraktiv sind. Darüber hinaus gibt es auch noch kreative Formen des Sparens wie beispielsweise verlängerte Sommerpausen für das eine oder andere Format.

-Aber der Bestand ist geschützt?
Vor Jahren hat Ihr Haus mal die „Rundschau Nacht“ gestrichen, aber recht bald wieder eingeführt. Nein, an unserem Bestand an Informationssendungen wird sich nichts ändern. Wir sind mit der „Rundschau“ gut aufgestellt, im August werden wir um 16.45 Uhr eine zweite große „Rundschau“-Ausgabe neben der 18.45-Uhr-Sendung einführen. Von ihr erhoffen wir uns große Attraktivität, weil sie schon eine Viertelstunde vor der „Tagesschau“ läuft. Auch die Nachtausgabe der „Rundschau“ kommt sehr gut an, vor allem beim jungen Publikum. Diese Sendung ist – abseits der Quote – auch gut fürs Image.

Das Gespräch führten Karl Schermann und Rudolf Ogiermann.

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