Er erklärt, wer Zeus und Hera sind

München - Florian S. Knauß spricht im Interview über seine Aufgaben und Ziele als neuer Direktor der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek in München.

Erst seit einigen Tagen ist Florian S. Knauß im Amt. Von Raimund Wünsche, dessen Stellvertreter er war, hat er den Direktorenposten übernommen und ist damit „Patron“ der Münchner Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlungen am Königsplatz. Der 47-jährige Archäologe hat sich aber nicht nur als Museumsmann betätigt, sondern unter anderem mit altpersischer Architektur sowie mit griechischer Keramik beschäftigt.

-Stichwort Perser: Treten Sie im philhellenischen München bald als Verteidiger des altgriechischen Erzfeindes auf?

Das mit den Erbfeinden ist viel Propaganda gewesen. Man muss daran denken, dass in den sogenannten Perserkriegen nur rund 30 von über 700 griechischen Poleis, also Stadtstaaten, bei den entscheidenden Schlachten gegen die Perser Partei ergriffen haben. Die anderen waren neutral oder standen auf Seiten der Perser. Die Perser der Perserkriege, des 6., 5., 4. Jahrhunderts v. Chr., sind mein privates Forschungsgebiet seit rund 20 Jahren. Ich grabe altpersische Anlagen in Aserbaidschan und Georgien, also im Kaukasus, aus.

-Es gibt keine Idee, etwas davon für München zu nutzen?

Ich will die Kontinuität wahren, weil ich glaube, was unter Herrn Wünsche hier an Ausstellungen initiiert wurde, richtig war und ist. Zugleich möchte ich das Augenmerk auf Randkulturen lenken. Perser können wir aus eigenen Beständen nicht darstellen, wir haben jedoch eine der großartigsten Etrusker-Sammlungen, sowohl Vasen wie Bronzen als auch Schmuck. Meines Erachtens hat es in München noch keine Etrusker-Ausstellung gegeben. Das ist ein Ziel der kommenden Jahre. Und vielleicht wäre es auch denkbar, dass meine Forschung im Kaukasus - mit Leihgaben - irgendwann vorgestellt wird.

-Glyptothek und Antikensammlungen sind wohlbestellte Häuser. Was sind Ihre vordringlichsten Ziele?

Museen müssen sich auf ein sich veränderndes Publikum einstellen. Unsere Kernklientel war das klassische Bildungsbürgertum. Das gibt es in der Form wie vor 20, 30 Jahren heute schon nicht mehr. Wir müssen viel mehr erklären. Wenn wir heute eine Ausstellung über den Trojanischen Krieg präsentieren, dürfen wir nicht annehmen, dass alle Achill und Agamemnon kennen. Die große Schau, die wir fürs nächste Jahr planen, dreht sich um die Götter Griechenlands. Da kann man nicht voraussetzen, dass jeder weiß, wer Zeus und Hera sind. Man muss sehr viel mehr vorausschicken, nicht nur weil der Bildungsstand möglicherweise nicht mehr so hoch ist, sondern auch, weil wir ein breiteres Publikum erreichen wollen. Ich halte das für gangbar, weil die griechische Kunst immer den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Sie ist im Kern menschlich - selbst die Götter sind sehr menschlich. Urerfahrungen der Menschen werden ständig thematisiert. Deswegen ist diese Kunst für uns heute noch interessant. Meine Wunschvorstellung ist, dass wir durch mehr Anschaulichkeit den Leuten erklären, wozu die Dinge damals dienten.

-Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben in den Antikensammlungen vor allem Vasen. Die meisten, auch die Archäologen, betrachten vordringlich die Bilder auf den Vasen, aber die Vasen hatten konkrete Funktionen. Ein kleines Ölfläschchen wird anschaulicher, wenn man zeigt, wie es gehandhabt wurde. Hier in der Glyptothek steht ein Athlet, der Öl ausgießt. Heute hat er eine leere, erhobene Hand. Man fragt sich: Was macht der eigentlich? Ein heutiger Sportler würde so nicht stehen. Der antike Athlet hat ein Ölfläschchen gehalten, das vorher am Handgelenk mit Bändchen befestigt war. Er gießt Öl auf die Hand, um sich einzureiben - zur Körperpflege vor und nach dem Wettkampf.

-Im Film wie in Fantasyromanen für Jugendliche taucht das griechisch-römische Mythen-Personal mit schöner Regelmäßigkeit auf. Wo können da die Museen einhaken?

Kinder liegen mir sehr am Herzen. Ich habe vor Jahren die Kindertage hier am Haus wiedereingeführt. Das sind einzelne Veranstaltungen zwei-, dreimal im Jahr. Mir schwebt jedoch vor, dass wir auch für die Familien, die am Wochenende unsere Museen besuchen möchten, ein attraktives Programm bieten. Das ist nicht leicht, weil wir keine eigene Museumspädagogik haben. Die Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Zentrum müssen wir intensivieren. Und wir müssen offensiver auf die Schulen in München und im Umland zugehen.

-Sie sind Keramik-Experte, also auf einem Feld, das sehr wichtig, aber sehr schwer zu vermitteln ist. Selbst eingefleischte Antiken-Fans ermatten bei Vasen und Schalen schnell.

Einmal: Weniger ist mehr. Zum anderen: Man kann Themen aufbereiten, Landschaften vorstellen. Und wir wollen in überschaubaren Abständen die Dauerausstellungen abwandeln. Wir haben ja ungeheure Bestände im Depot.

-Keramik müsste man sich ganz intim annähern dürfen...

Leider haben wir keine Repliken, die wir den Menschen in die Hand geben könnten. Das ist schade, denn nur so könnten sie spüren, was für eine handwerkliche Leistung dahintersteht. Die Schalen sind so dünnwandig und leicht - das können heute Handwerker selbst bester Manufakturen wie der Nymphenburger nicht leisten. Hier stoßen wir an Grenzen: Unsere Sammlung ist historisch bedingt unter Ludwig I. nach kunsthistorischen Gesichtspunkten zusammengestellt worden. Er wollte eine Sammlung von Meisterwerken. Das heißt, wir bieten keinen breiten Querschnitt durch das Alltagsleben. Bei uns muss das Kunstwerk im Vordergrund stehen. Das ist kein Nachteil, denn wir haben die schönste Sammlung in Deutschland. Wir haben, ob Vasen, ob Skulpturen, Werke von solcher Qualität, dass wir die Entwicklung der Kunst über rund 1000 Jahre darlegen können.

-Die Ägineten in der Glyptothek sind für München fast so identitätsstiftend wie die Frauentürme. Jetzt, zum Ende der Amtszeit von Wünsche und zum Start der Ihrigen, sind sie in einer besonderen Kombination zu erleben: Wie wir sie heute analysiert haben - und wie Ludwig I. und sein Team sie interpretierten. Was haben Sie mit den Giebelfiguren noch vor?

Die Ägineten werden immer unser größter Schatz bleiben. Das, was Raimund Wünsche in 40-jähriger Arbeit zum Teil mit ganz neuen Ergebnissen zu den Ägineten zusammengetragen hat, wird lange Bestand haben. Ich bin skeptisch, ob wir da einen vielversprechenden Neuansatz liefern werden. Wir haben eine große Sammlung und können daher anderes in den Vordergrund rücken. Für die nächsten Jahre planen wir eine Ausstellung mit römischen Porträts. Aber die Ägineten werden immer an prominentester Stelle stehen.

Das Gespräch führte

Simone Dattenberger.

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