Erlebnis für die Kinder

- Was für ein Gipfeltreffen: Kent Nagano, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, reist mit dem Staatsorchester nach Grassau, an den Wohnort seines Vorvorgängers Wolfgang Sawallisch (83). Am Karsamstag wird im Gasthof zur Post ein (bereits ausverkauftes) Benefizkonzert mit Werken von Haydn, Wagner und Strauss veranstaltet.

Der Erlös geht an die Wolfgang-Sawallisch-Stiftung. Diese kümmert sich um besonders talentierte Kinder und Jugendliche an der Musikschule Grassau. Bislang kamen 80 000 Euro etwa für die Anschaffung von Instrumenten und die Bezahlung von Zusatzstunden zusammen.

Waren Sie überrascht davon, dass Kent Nagano bei Ihnen angeklopft hat?

Wolfgang Sawallisch: Überrascht eher im letzten Moment. Anfangs hat mich das sehr, sehr berührt, dass auf dieser Ebene eine Zusammenarbeit möglich sein kann. Ich bin dankbar, dass Kent Nagano diesen Kontakt gesucht hat. Er war schon zweimal bei mir. Ich halte das für etwas Außergewöhnliches. Wir mögen uns irgendwie. Wir unterhielten uns über das Besondere der Bayerischen Staatsoper, und was dieses Haus überhaupt ausmacht.

Wer hatte die Idee zu diesem Konzert?

Sawallisch: Wenn ich aufrichtig sein darf: Ich weiß es nicht genau. Ich hab‘s aber mit großer Freude angenommen.

Was ist denn das Besondere gerade an dieser Musikschule?

Sawallisch: Der Chiemgau bietet anscheinend für künstlerisch Hochwertiges ein ideales Umfeld, auch bei der Malerei und bei der Dichtkunst. Auf mich hat die Musikschule sofort einen guten Eindruck gemacht. Es hat, sowohl von Seiten des Bürgermeisters als auch der Gemeindemitglieder, nie eine gefährdende Diskussion über die Existenz, Budgets oder die Qualität gegeben. Die Schulleiter haben immer mit sehr guten Gedanken und pädagogischen Fähigkeiten außergewöhnliche Ereignissen erzielt. Bei Wettbewerben wurden viele Preise gewonnen. Und einige Ehemalige sind bei renommierten Orchestern untergekommen: Johannes Dengler ist Solo-Hornist im Staatsorchester, Albert Osterhammer Klarinettist bei den Münchner Philharmonikern. Meine Stiftung war bei alledem nur das i-Tüpferl.

Und wie sind Sie auf die Musikschule gekommen?

Sawallisch: Die Chefs baten eines Tages um ein Gespräch. Ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Und da hab‘ ich mir alles durch den Kopf gehen lassen und dachte mir: Warum eigentlich nicht? Warum nicht aus einer guten Musikschule noch eine bessere machen?

Orchester und Opernhäuser betreiben in immer größerem Stil und fast panikartig Jugendarbeit. Was umgekehrt beweist, dass an der "Basis", in der Schule oder im Elternhaus, viel versäumt wurde.

Sawallisch: Das möchte ich ohne Einschränkung bejahen. Ob ich‘s allerdings Panik nennen würd‘ . . . Hauptsache, es passiert was. Aber dann wird andererseits bei angeblich unnötigen Sachen wie Musik oder Sport der Rotstift angesetzt. Ein großer Fehler für das Gesamtkulturwesen eines Staates. Das alles ist kein Luxus, sondern unverzichtbar und selbstverständlich.

Und wie war das in Ihrer Jugend?

Sawallisch: Da war‘s noch nicht so schlimm. Ich habe in München privat studiert und im Alter von fünf Jahren mit dem Klavierspiel angefangen. Damals wurde auf die musikalische Erziehung noch mehr Wert gelegt. Ich bin froh darüber, dass ich das von Anfang an erleben durfte: Wie viel innere Freude gemeinsames Musizieren bringen kann. Dieses gemeinsame Erarbeiten und Spüren des Ergebnisses.

Zu befürchten ist allerdings, dass sich die meisten immer weniger der Musik überhaupt öffnen können und es beim Berieseln belassen.

Sawallisch: Da berühren Sie einen wunden Punkt, der auch mir wehtut. Zuletzt hat das ja die Diskussion um Bayern 4 und zuvor um das Münchner Rundfunkorchester gezeigt. Das geht ja nun wirklich nicht, dass man so etwas einfach streicht. Ich hoffe dabei immer ein bisserl, dass wenigstens im süddeutschen Raum etwas mehr Bewusstsein für die Kultur existiert. Das liegt wahrscheinlich an unserer Lebensart.

Auch Sie haben gelehrt. Waren Sie streng?

Sawallisch: Ich stand letztlich auf dem Standpunkt: Man kann Dirigieren nicht lernen und auch nicht lehren. Man kann jemandem zwar Tipps und Hinweise geben, wie er mit dem Orchester gut zurechtkommt. Aber das innere Leben mit der klassischen Musik ist keinem beizubringen. Ich habe immer den jungen Leuten geraten: Hören Sie sich Proben und Konzerte von guten Dirigenten an.

Eigentlich könnte man doch so weitermachen: Ab jetzt kommt das Staatsorchester jeden Karsamstag zu Ihnen nach Grassau.

Sawallisch: Ich bin ja schon glücklich, dass es einmal klappt. Obwohl: Ich kann die Idee mal beiläufig fallen lassen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare