Erlebnis Mittelalter

- Machtwille und gnadenloses Selbstbewusstsein, cleveres Taktieren, großzügiges Kultursponsoring, eine geschickte Verbindung mit der Kirche, die Gabe der Diplomatie und der gut genutzte Hang zur Selbstdarstellung - das waren, modern gesagt, die Säulen, auf die Kaiser Heinrich II. sein Reich aufgebaut hatte. 1000 Jahre nach der Königskrönung ist in "seinem" Bistum Bamberg die Welt fast wieder so, wie er sie damals verlassen hat.

<P>Auf dem Domplatz ein mittelalterliches Gehöft (das leider einen Brandschaden erlitt), in der Alten Hofhaltung die Demonstration der einfachen Lebenswelt und des kaiserlichen Anspruchs, in der Staatsbibliothek die Pracht der Handschriften, im Diözesanmuseum Prunkgewänder und güldene Schätze, alles versammelt rund um den mächtigen Dom mit der Grablege des Kaiserpaares. Mit dieser Landesausstellung ist dem Haus der Bayerischen Geschichte ein umfassender Wurf gelungen, der nicht nur kritisch die Persönlichkeit und Politik Heinrichs auslotet, sondern auch die Bereitschaft zum vertieften Wissen bei den Besuchern weckt. Der historische Teil ist erlebnisorientiert inszeniert, während man bei den Gewändern, Schätzen und Handschriften beim beruhigten musealen Ambiente geblieben ist.</P><P>Schon der Amtsantritt des Königs war ein meisterlicher Schachzug: Heinrich ritt dem Leichenzug seines Vorgängers, Kaiser Otto III., nach Polling entgegen und übernahm das Herrschaftssymbol, die Lanze. Er berief sich auf seine königliche Herkunft und kam mit der schnellen Krönung in Mainz 1002 der Wahl der Fürsten zuvor. Ausdauernd und geschickt stabilisierte er danach sein Reich, balancierte widerstreitende Kräfte und die Rechte der Fürsten aus, bestätigte die Reichsgrenzen mit Heereszügen und lancierte seine Bischöfe in strategisch wichtige Positionen.</P><P>Mit der Gründung des Bistums Bamberg 1007 schaffte er die Bindung zwischen Königtum und Adel, die Reichskirche sicherte ihm dabei seinen Machterhalt. Diese Nutzung der kirchlichen Macht für seine politischen Ansprüche sowie ein ausgeklügeltes Abgabesystem in allen Ländereien ließen Heinrich und den Adel einen festen Stand aufbauen. Die umjubelte Kaiserkrönung des letzten Ottonen 1014 erfolgte durch Papst Benedikt VIII. in Rom, das Reich dehnte sich aus, Heinrich war in seiner Autorität unumstritten (der Papst besuchte ihn 1020) - nicht jedoch in seiner machtorientierten Lebensweise. </P><P>In der Alten Hofhaltung kann einerseits der Alltag im 11. Jahrhundert, andererseits die Strategie bei Hofe nachvollzogen werden. Mit zahlreichen Einbauten, Gucklöchern, aufklappbaren Kästen, mit Sternenhimmel und geschickter Beleuchtung, mit Computer und Film, Dom-Modell und technischen Raffinessen wird hier Geschichte lebendig gemacht. Erstmals wurde die Ausstellungsfläche um den ehemaligen Pferdestall erweitert, die verkleideten Boxen demonstrieren die Lebensstationen Heinrichs. Auch bei dieser publikumsgerechten Präsentation ist der ernste Anspruch zu spüren, der dem Kaiser entspricht. Schließlich sah er sich verpflichtet, dem Bildungsauftrag nachzukommen, das Wissen der Welt in seine Macht zu stellen und zu demonstrieren.</P><P>Schlichtere Lehrbücher fassten diese Herrscheridee zusammen, üppig, golden und in leuchtenden Farben dagegen sind die Prachthandschriften gehalten. Der Kaiser machte es sich zur Aufgabe, Klöster und Bistümer zu beschenken: mit Evangeliaren und Perikopenbüchern. Das Wort Gottes wurde im Sinne der höchsten Verehrung zu einem der reichsten Kunstbeweise der Ottonen. In der Staatsbibliothek werden ikonographische und stilistische Bezüge deutlich. Das goldüberflutete Regensburger Sakramentar (nach 1002) mit seinen Rauten und Mäandern ist zugleich wiederum Beweis der göttlichen Herrschaft Heinrichs: Er wird auf einem Blatt, das Haupt im himmlischen Reich, von Christus selbst gekrönt. Die Aufträge an die Schule in der Reichenau gipfelten in dem berühmten Perikopenbuch, das mit visionären Szenen aus dem Alten Testament vertreten ist. Die durchdachte Auswahl der Kleinodien auf Pergament eröffnet Laien wie Experten gleichermaßen ein prächtiges Feld.</P><P>Im Diözesanmuseum wird die Schau mit Schatzbüchern ergänzt. Erhabene, fein ausgearbeitet Elfenbeinschnitzereien, Gold und Edelsteine zieren die Buchdeckel des Regensburger Sakramentars. Genauso üppig die Reliquiare, die von der postumen Verehrung des Kaiserpaares zeugen. Heinrich und Kunigunde wurden Mitte des 12. Jahrhunderts von Papst Eugen III. heilig gesprochen - das einzige Herrscherpaar der Geschichte, dem diese Ehre widerfuhr. Die Prachtentfaltung zu Lebzeiten der Ottonen gipfelte in feinster Seidenwirkerei aus Byzanz (Gunther-Tuch, 971), vor allem aber im goldbestickten Sternenmantel des Kaisers. Diese Roben, die später zu Berührungsreliquien wurden, zeigen, wie Kunst, Kirche und Politik quasi auf den Schultern des Herrschers zur Blüte kamen.</P><P>Freia Oliv</P><P>Bis 20. Oktober; umfassendes Begleitprogramm. Info: 0821/32 95 123; Tourismus-Service: 0951/87 11 61; Internet: www.heinrichII.de; Katalog: 16 Euro, Kurzführer: fünf Euro, CD: vier Euro.</P>

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