Erna, jetzt kommt's

- In der ewigen Aufführungs-Hitliste steht dieses Werk von Georges Bizet ganz oben. Und auf solche Popularität baut nun das Gärtnerplatztheater, das an diesem Sonntag eine neue "Carmen" herausbringt. Regie führt Jochen Schölch, Chef des kultigen Freimanner Metropol-Theaters, der für Münchens zweites Opernhaus bereits Henzes "Englische Katze" und Mozarts "Così` fan tutte" inszenierte. Constantinos Carydis dirigiert.

<P>Fast jeder hat diese Klischee-Vorstellungen: Hüftschwingende Frau trifft auf gutherzigen Soldaten, da kommt ein schneidiger Macho dazwischen. Liegt's am Stück oder ist in der Regie-Geschichte etwas schief gelaufen?<BR><BR>Schölch: In gewisser Weise ist was schief gelaufen. Nirgendwo steht zum Beispiel, dass Carmen viele Liebschaften hatte, also eine männerfressende Femme fatale ist. Das einzig Interessante ist, und darum ist wohl das Klischee entstanden: Diese Frau behält sich vor, selbst zu entscheiden, wen sie möchte und wann sie sagt: Nö, tut mir Leid, du warst es nicht. In der Entstehungszeit des Stücks war das ungeheuerlich. Deshalb auch Spanien, das Macho-Land. Und die Gesellschaft konnte sich eben nur damit behelfen, dass sie sagte: Die muss ein Vamp sein. Eine Schublade, wo's nicht mehr weh tut.<BR><BR>Ist das Land entscheidend - oder auch die Zeit?<BR><BR>Schölch: Natürlich hat sich viel geändert. Wobei außerhalb der Städte, wo noch Tradition gelebt wird, die Situation nicht wesentlich anders geworden ist. Insofern könnte "Carmen" in Bayern spielen. Mir ist aber auch wichtig, dass Zigeuner auftreten. Eine Gruppe, die in die Illegalität getrieben wurde, weil sie ihren Lebensunterhalt sonst nicht verdienen kann. Carmen probiert ja einen Ausweg, indem sie sich in die Tabakfabrik stellt und Zigarren dreht. Eine Arbeit, die kein Mann machen will.<BR><BR>Jucken Sie diese "Carmen"-Klischees? Wollen Sie bewusst etwas dagegen setzen?<BR><BR>Schölch: Fast jeder Regisseur versucht das. Aber wir müssen die Klischees einfach hinterfragen. Auch José´ ist kein Schwächling. Er fängt eine Schlägerei an, packt schon mal zu - auch bei Carmen. Für ihn wäre die Mischung aus Carmen und Micaela die Frau, die für ihn gebacken werden müsste. Micaela tagsüber und Carmen nachts.<BR><BR>"Carmen" ist eine der beliebtesten Opern überhaupt. Es könnte also passieren, dass Sie viele Leute enttäuschen.<BR><BR>Schölch: Ja, furchtbar. Jeder weiß, wie es funktioniert. Arien wie die "Habanera" sind ja im Grunde grauslich - weil Papa die Mama im Parkett anstößt und sagt: Erna, jetzt kommt's. Da sitzen 900 Kritiker im Haus. Ich hoffe, dass wir die Besucher einfach verführen können.<BR><BR>Wenn jeder das Stück kennt, kann das doch ein Vorteil sein: Sie haben ein gut informiertes Publikum, können also auf einem höheren Regie-Level arbeiten.<BR><BR>Schölch: Das ist richtig. Als ich hier Henzes "Englische Katze" inszeniert habe, wusste keiner, wie's geht. Aber ich versuche ja nicht etwas zu tun, was noch nie da war, also das ganz große Ding zu drehen. Das ist das Problem an den Theatern: Wenn hier der 20. "Macbeth" herauskommt, sagen sich alle: Wie wird's gemacht? Und nicht: Was steht in der Geschichte drin?<BR><BR>Dies ist Ihre dritte Opern-Regie. Was haben Sie aus den ersten beiden Arbeiten gelernt?<BR><BR>Schölch: Ich verstehe nun besser, wie Sänger arbeiten. Der erste Schritt ist, ihnen die Sicherheit zu geben, wie man sich in seiner Szene bewegen muss. Beim Schauspiel ist das anders, offener, da versuche ich erst eine Atmosphäre, eine bestimmte Grundtemperatur herzustellen. Dieser Unterschied hängt natürlich mit der engen Struktur zusammen, die die Musik bei der Oper vorgibt.<BR><BR>Ist es also deshalb leichter, mit Sängern zu arbeiten?<BR><BR>Schölch: Es gibt das Klischee von diesen kapriziösen Sängern. Das stimmt überhaupt nicht. Sänger bringen ein ganz besonderes Handwerkszeug mit. Es geht ihnen darum zu arbeiten, weniger um Befindlichkeiten, es wird auch weniger diskutiert.<BR><BR>Reizt es Sie, mit diesem großen Opern-Apparat zu spielen? Oder haben Sie davor Respekt?<BR><BR>Schölch: Der große Apparat macht natürlich vieles einfacher, da muss man jetzt gar nicht die Romantik der freien Theaterszene beschwören. Es ist zum Beispiel angenehm, wenn am Gärtnerplatz die Bühne aufgebaut wird - da helfe ich im Metropol selbst mit. Andererseits muss der große Apparat bewegt werden, man kann auch nicht schnell reagieren, alles erfordert ein ausgetüfteltes Kommunikationssystem. Die Mischung wär's.<BR><BR>Warum bringen Sie in Ihrem Metropol-Theater keine Kammeropern heraus?<BR><BR>Schölch: Eine Geldfrage. Für meinen Grundansatz, eine Geschichte ganz pur, ohne großes Beiwerk zu erzählen, wäre das allerdings schon der ideale Raum. Auch von der Akustik her. Aber ob's für "Carmen" geeignet wär' . . .<BR><BR>Wie erklären Sie sich eigentlich die ungeheure Popularität dieser Oper?<BR><BR>Schölch: Es ist natürlich die Musik, die man summt, wenn man rausgeht - vielleicht sogar schon früher. Und dann dieses enorme Identifikationspotenzial: Gehe ich eine symbiotische Beziehung ein? Oder ziehe ich die Freiheit vor, will die große Leidenschaft mit dem Risiko, am Ende allein dazustehen. Vor dieser Entscheidung steht man doch immer im Leben, vielleicht nicht dauernd in dieser Stärke. Aber Männer, die mit 50 ihre Frau gegen eine 20-Jährige eintauschen, die gibt's doch genug.<BR></P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR><BR></P>

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