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Alt und Neu verkuppelt: „I pazzi per progetto“ von Donizetti (1830) – hier eine Szene – und „Le bal“ von Oscar Strasnoy (2010).

Zur Theaterakademie-Premiere 

Der Ernstfall während des Studiums

München - Es ist wie im richtigen (Opern-)Leben. Eine Sängerin steht allein auf der Bühne, singt und muss das Tempo halten. „Das ist so schwer“, seufzt die junge Solistin dem erfahrenen Dirigenten entgegen.

Ulf Schirmer weiß das und setzt beim Einstudieren des 1830 entstandenen Donizetti-Einakters „I pazzi per progetto“ (Die Irren aus Vorsatz) ebenso auf ein Metronom wie bei Oscar Strasnoys 2010 herausgekommener Mini-Oper „Le bal“ (Der Ball). Das höchst selten aufgeführte alte und das noch nicht oft gespielte neue Werk haben heute als Produktion der Bayerischen Theaterakademie, der Münchner Musikhochschule und des Münchner Rundfunkorchesters Premiere im Prinzregententheater. Regie führt Karsten Wiegand.

Über die sechste Koproduktion seines Instituts mit dem Rundfunkorchester freut sich Akademie-Präsident Klaus Zehelein, der mit seinem Amtsantritt 2006 die BR-Musiker und ihren Chef Ulf Schirmer ins Boot holte. Zum Start stemmten Studenten (Sänger, Bühne, Kostüme, Dramaturgie) und Profis (Musiker und Regisseur) damals drei Einakter von Hans Werner Henze. Abgesehen von einer „Bohème“ kramten Zehelein und Schirmer in all den Jahren stets Raritäten aus dem noch nicht verstaubten Repertoire: Elliot Carters „What next?“ etwa, Peter Eötvös’ „Tri sestri“ oder Kurt Weills „Street Scene“.

"Die Rolle in seiner Stimme finden"

„Die musikalische Ausbildung schaut viel zu sehr rückwärts“, klagt Ulf Schirmer, der mit den Sänger-Studenten auch „die heutige Sprache sprechen möchte“. Immer wieder freue es ihn, „wenn intelligente junge Sänger in der Lage sind, das in der zeitgenössischen Musik Erlernte in ihren nächsten Mozart mit hineinzunehmen“. Auch für Akademie-Chef Zehelein gehört die Verankerung in der Gegenwart zum Pflichtprogramm. „Die Auseinandersetzung mit heutiger Musik schärft das gesamte Vermögen eines jungen Sängers. Er kann sich dabei nicht auf die Tradition oder gar eingefahrene Schlampereien zurückziehen, sondern muss die Rolle in seiner Stimme finden“, betont Zehelein und erinnert sich an den Start vor sechs Jahren: „Dass Henzes Einakter damals den Studierenden so viel Erfolg bescherten, hat mich für die Arbeit hier frei gemacht und alle Befürchtungen vertrieben.“ Zugleich öffnete sich für die Akademie damit der Weg ins 21. Jahrhundert.

Vor jeder gemeinsamen Produktion veranstaltet die Theaterakademie Vorsingen, zu denen 20 bis 25 Kandidaten der Hochschule aufmarschieren, wobei bevorzugt Studierende ab dem sechsten Semester besetzt werden: Jeder Nachwuchskünstler soll in mindestens einer Produktion der Theaterakademie den Ernstfall erlebt haben.

Genauso intensiv wie an jedem Stadttheater geht es bei den Proben an der Theaterakademie zu. Ulf Schirmer ackert sich zu Beginn einmal mit dem ganzen Ensemble durchs Stück und bittet auch vor den ersten Bühnenorchesterproben noch einmal zu einer Gesamtprobe mit Klavier. Zum Glück kann er sich auf seinen „Vorarbeiter“ an der Theaterakademie, den musikalischen Studienleiter Joachim Tschiedel, verlassen. „Wir benutzen die gleichen Metronome, und bei komplizierten Taktwechseln stimmen wir die Schlagtechnik exakt ab. Wenn ich allerdings hinterher etwas ändern will, wird’s schwierig“, lacht Ulf Schirmer. Denn das mühsam Erlernte sitzt fest. Die Zusammenarbeit mit dem in vielen Musikstilen beheimatete Rundfunkorchester bietet den Studenten ein sicheres Fundament. Mehr noch, alle Produktionen werden mitgeschnitten und im Bayerischen Rundfunk gesendet. Von Weills „Street Scene“ erscheint demnächst sogar eine CD.

Gelegentlich hat Schirmer zusätzliche Zuckerl in der Tasche: „Ich engagiere immer wieder ein oder zwei von den jungen Sängern für kleinere Partien in CD-Aufnahmen.“ Dass diese fruchtbare Zusammenarbeit auch nach dem verflixten siebten Jahr weitergehen soll, steht für Zehelein und Schirmer außer Frage.

Das Orchester und sein Dirigent werden dabei „als Paket gebucht, das wir uns gut leisten können“, verrät Zehelein schmunzelnd. So soll es auch bleiben. Denn für die Studierenden sind diese Aufführungen, bei denen sie noch von zwei weiteren Profi-Ensembles, dem Münchener Kammerorchester und der Hofkapelle München, begleitet werden, wichtige Meilensteine auf dem Weg in den Sängerberuf. Gelegentlich, so erzählt Ulf Schirmer, flattert ihm als dem Intendanten der Leipziger Oper schon mal eine Bewerbung auf den Tisch, in der ein junger Sänger voller Stolz auf seine Zusammenarbeit mit dem Münchner Rundfunkorchester hinweist – natürlich in einer Produktion der Bayerischen Theaterakademie.

Gabriele Luster

Informationen:

„I pazzi per progetto/Le bal“, Premiere heute, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 10., 16. und 18.11.; Tel. 089/ 21 85- 19 70. Am 14.11. als „Klassik zum Staunen“ um 19 Uhr; 089/ 590 01 08 80.

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