Eroberung des Schauspielhauses

- Das fängt schon gut an. "Macht Liebe glücklich?" steht auf dem weißen Vorhang. Dann ein Video von einer Passanten-Befragung im Englischen Garten. Tendenz heiter. Derart eingestimmt auf das nun folgende Trauerspiel "Miss Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing, erfährt der Zuschauer eine so intelligente wie tragikomische Lektion über die Macht der Liebe. Damit ist zwar nicht die Eingangsfrage beantwortet. Aber so viel darf dennoch gesagt werden: Zwei Stunden Theaterglück sind hier garantiert.

<P>Für die Münchner Kammerspiele inszenierte im schönen Schauspielhaus Stephan Rottkamp jetzt dieses frühe Lessing-Stück. Klug gestrichen, manche Szenen umgestellt oder zusammengefasst, bleiben er und seine Schauspieler doch immer ganz dicht beim Autor und seiner Sprache. Und siehe da: Authentischer, heutiger, uns näher lässt sich dieses als tränenreicher Edelmutsschinken verschrieene Stück wohl kaum erzählen. Schauplatz ist der Saal eines schäbigen Gasthofes irgendwo auf dem englischen Land. Dorthin hatte Lessing die Handlung verlegt, weil so viel freiheitlicher Weibermut und väterlicher Bürgersinn im kleinstaatlichen Feudal-Deutschland des 18. Jahrhunderts noch kaum zu wagen waren.</P><P>Robert Schweers weiter, mit hellem Holz ausgeschlagener, sich nach oben hin mehr und mehr öffnender Bühnenraum entwickelt sich im Laufe des Spiels von gedrungener Gasthofsschäbigkeit, in der Wassereimer den Zustand des Hauses charakterisieren, zu einer Art sakralen Stätte. Der Tisch im Hintergrund, an dem Briefe geschrieben und die Frauen sich beide auf die gleiche Weise Mellefont, dem geliebten Mann und Objekt ihrer Begierde, darbieten, wird quasi zum Altar. Hochzeit oder Opferung? Sowohl als auch. Indem der weiße Schleier wie ein Läufer über die Bühne geworfen wird und Sara in verblendeter Glückseligkeit Blumen streuend über ihn hinwegtanzt, erscheint die Bühne als Kirche. Schließlich assoziiert man eine Totenhalle, sobald der alte Sampson im Glauben ans väterliche Glück bergeweise Rosen, Margeriten, Rittersporn auf dem Boden ausbreitet.</P><P>Geschmack, Pfiff und Witz</P><P>Der Raum erhält Intimität in den so anrührenden wie auch komischen Dialogszenen: wenn etwa in einem der schönsten Momente des Abends Waitwell Sara überredet, den Brief ihres Vaters zur Kenntnis zu nehmen. Doch auch eine gewisse Öffentlichkeit wird hergestellt: durch ein auf der Bühne platziertes Mikrofon, an das immer dann einer der Protagonisten tritt, wenn es gilt, einen der bei Lessing so zahlreich vorkommenden Briefe laut zu lesen. Das alles hat viel Geschmack, Pfiff und Witz und verrät doch nie die Gefühle der Figuren oder ihre Wahrhaftigkeit.</P><P>Im Mittelpunkt stehen natürlich Sara Sampson und Marwood, also Caroline Ebner und Nina Kunzendorf. Schön, dass sie gleichjung sind, dass Marwood hier nicht die erfahrene Salonschlange ist. Dennoch: Die Unterschiede zwischen beiden Frauen könnten nicht größer sein. Caroline Ebner erspielt sich mit der Titelfigur ihren ersten großen Münchner Erfolg. Wunderbar die fraglose Naivität ihrer Sara, gepaart mit einer starken, in sich ruhenden Selbstgewissheit. Kaum scheint sie zu beunruhigen, dass sie ein uneleganter Trampel ist. Doch ehe die Marwood als angebliche Anverwandte des Geliebten ihr ihre Aufwartung macht, schlüpft Sara doch noch schnell in die Pumps. Oder zwickt sich mit einem raschen kindlichen Griff ihren Schlüpfer zurecht. Und wenn ihr Vertrauen in die Liebe doch einmal ins Wanken gerät, dann drückt sich die Hilflosigkeit durch kleine, ratlose Gesten aus. Dann ist diese junge Darstellerin, ehe sie sich den Gefühlszweifel von der Seele fetzt, ganz bei sich, unverstellt und herzergreifend. Es ist eine große schauspielerische Leistung, dieser spröden Figur so reiches, widersprüchliches Leben abzugewinnen.</P><P>Genauso staunenswert ist es, wie Nina Kunzendorf ihre Rolle an die Zügel nimmt. Ein Leichtes, als Marwood alle Register einer eifersüchtigen Diva zu ziehen. Kunzendorf, diese blendende, elegante Erscheinung, ist hier eine verhaltene Kämpferin für ihre Liebe und eine leidenschaftliche Verteidigerin ihrer Bühnenfigur. Voller Zärtlichkeit ihr vorbereitetes Mutter-Vater-Kind-Picknick: Marwoods Traum von der heilen Familie. Wenn sie Gewalt anwendet gegen die Rivalin, sie an die Wand knallt oder am Ende vergiftet, dann geschieht das aus dem Instinkt heraus. Mit größter Ruhe, fast wie in Trance flößt sie der ohnmächtigen Sara Wasser aus den herumstehenden Eimern ein, um ihr das Gift wirksam zu verabreichen.</P><P>Zwei so unterschiedliche und doch gleich starke Frauen: Da wird jeder Zuschauer begreifen, dass sich Mellefont zwischen beiden partout nicht entscheiden kann. Weniger nachvollziehbar ist indessen angesichts des etwas zu zurückhaltenden Spiels von Robert Dölle, dass sich Sara und Marwood auf Leben und Tod ausgerechnet diesem Laschi ausliefern.</P><P>Von ganz eigener Güte in dieser bemerkenswerten Inszenierung Stephan Rottkamps sind Hans Kremer als Vater Sampson und Jochen Noch als Diener und Gefährte Waitwell. Weinerliches Bündel der eine, der zur Versöhnung mit seiner Tochter ein mit rosa Schleife versehenes Pony anschleppt. Weiser Narr der andere. Zusammen sind sie zwei Clowns, die zur Belustigung Saras mit roter Nase und weiß geschminktem Gesicht erscheinen. Ein großer und anrührender Moment am Schluss: Wenn Sampson auch seiner sterbenden Tochter das Gesicht weiß malt, wird das unversehens zur Totenmaske.</P><P>Ratlos steht nun auch Mellefont dabei. Die Inszenierung versagt ihm klug den Selbstmord. Männer wie er sterben nicht aus. Am Ende Beifall für alle. Eine junge Truppe hat sich das Schauspielhaus erobert.</P>

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