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Triumph am Eröffnungsabend: Steven Sloane und seine Bochumer Symphoniker werden im Musikforum gefeiert.

Konzertsaal-Debatte

Lab-Saal im Pott: Ein Modell für München?

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Bochum/ Dortmund/ Essen - In München kämpft Dirigent Mariss Jansons seit langem um einen Konzertsaal für das BR-Symphonieorchester, sein Bochumer Kollege Steven Sloane hat es geschafft. Was kann Bayern von der NRW-Kulturszene lernen? Eine Reise durchs Ruhrgebiet.

Vorsicht, kleine Trittleiter. Die räumt der Chef lieber selbst weg. Man könnte schließlich drüber fallen oder sich dreckig machen, da ist weiße Farbe heruntergetropft. Ein paar Schritte weiter gewährt Steven Sloane einen Blick in seine Dirigentengarderobe. Plastikfolienreste auf dem Boden, der Duschkopf hängt noch verpackt von der Baddecke. Frisch machen geht nicht. Fünf Stunden auf dieser Baustelle bis zum Eröffnungskonzert, und alle arbeiten so entspannt, so panikfrei, dass man fast selbst mit anpacken will. Warum er so cool ist? Sloane lächelt: „Das Schlimmste haben wir doch hinter uns.“

Verbeulte Jeans, Pulli, ungekämmtes Haar, einen Generalmusikdirektor stellt man sich anders vor. Steven Sloane, 58, geboren in Los Angeles, Dirigier-Professor an seinem Wohnsitz Berlin und seit 22 Jahren an der Spitze der Bochumer Symphoniker, hat etwas geschafft, wovon sein Münchner Kollege Mariss Jansons seit eineinhalb Jahrzehnten träumt: Er hat für sein heimatloses Orchester einen Saal durchgedrückt. Gegen heftigen Widerstand, gegen den Willen der Verantwortlichen in einer Stadt am Rande des Bankrotts, gegen SPD-sozialisierte Ruhrpottler, die ein bekanntes Argument ins Feld führten: Und wer bezahlt unsere Kindergärten?

20000 Privatspender für den Bochumer Saal

Dabei geht es ja nicht ums Entweder-oder, sondern ums Sowohl-als-auch. Bochum, mittlerweile entbrannt für sein neues, nach Verlegerin und Mäzenin Anneliese Brost benanntes Musikforum, führt es vor. 20 000 Privatspender (!) beteiligten sich. Und einer davon, Lotto-Unternehmer Norman Faber, sorgte für den entscheidenden Schub: Ich gebe euch fünf Millionen Euro, signalisierte er der Stadt, wenn endlich eine Entscheidung fällt, weitere zwei Millionen aus der Bürgerschaft kommen und der Saal an der Marienkirche gebaut wird. Eine wilde Geschichte.

Das neogotische Gotteshaus, längst säkularisiert, ist nun das weltweit wohl ungewöhnlichste Foyer. Die Kasse ist im Chorraum, das Klo in der früheren Krypta, eine Glocke schlägt auf dem Ton „B“ das Pausenzeichen. Auf der einen Seite geht es durch ein originales Kirchenportal zum kleinen Saal, der vor allem von einer der größten Musikschulen Deutschlands genutzt wird und ein wandelbares Black-Box-Theater ist, auf der anderen zum großen Konzertsaal. Dort sitzen am Abend die Bochumer Symphoniker und spielen Mahlers erste Symphonie. Klitzekleine nervöse Patzer passieren, dafür ist Sloane die Ausgeglichenheit in Person. So natürlich, so ohne den üblichen Mahler-Dampf hat man den „Titan“ noch kaum gehört. Applaus nach jedem Satz, danach sofort Standing Ovations, glückliche Gesichter auf der Bühne, im Parkett und auf beiden Rängen. Die Bochumer Musikfamilie feiert sich und ihr neues Musikwohnzimmer: Wer jetzt nicht gerührt ist, muss ein Eisblock sein.

Leere Stadtkassen, trotzdem fast überall Kulturzentren

Aber noch eine Spielstätte in Nordrhein-Westfalen? Anders als in Bayern, wo solche Hallen (abgesehen von der Münchner Binnensituation) mindestens eine halbe Zugfahrstunde voneinander entfernt liegen, braucht man in Deutschlands Westen manchmal nur 15 Minuten, um vor dem nächsten Musentempel zu stehen. Was für eine Saal-Flut: Düsseldorf (Eröffnung 1978), Köln (1986), Dortmund (2002), Essen (Wiedereröffnung 2004), Duisburg (2007) und jetzt auch noch Bochum. Ein Landstrich, dem nach dem Ende des Kohlezeitalters die Verödung in Stadtbildern und -kassen drohte, gönnt sich fast überall ein Kulturzentrum. Selbstbewusst ist das und, man studiere nur die Förder- und Jugendprogramme, weitblickend in diesem Problemgebiet.

Der Bochumer Saal ist geradezu eingeklemmt zwischen Dortmund und Essen. Zwei international bestens aufgestellte Institutionen sind das, die jene beiden Standort-Konzepte vorleben, über die man sich in München die Köpfe zerbrach. Während die Essener Philharmonie, der entkernte und mit neuer Architektur gefüllte „Saalbau“, weit ausstrahlend im Stadtpark neben dem Aalto-Theater thront, hat sich das Konzerthaus  Dortmund ins ehemalige Rotlichtviertel gedrückt. Ein Bäh-Areal sollte aufgewertet werden. Nun ja: Während am Dortmunder Saal noch Piercing- und Gothic-Läden betrieben werden, haben die Essener das Sheraton als Gegenüber.

Essen vertraut auf ein Akustik-Ufo

„Wir sind jetzt die Goldmarie des städtischen Kulturlebens, nicht mehr das Aschenputtel“, sagt Babette Nierenz. Die künstlerische Leiterin der Philharmonie Essen, die dem für Oper und Konzert zuständigen Generalintendanten Hein Mulders untergeordnet ist, meint damit weniger den Standort. Ihr Saal stand einst kurz vor dem Aus. Ein früherer Intendant hatte das Geld mit bald nicht mehr vollen Händen ausgegeben. Mittlerweile ist alles konsolidiert. Es gibt rund 120 Eigenveranstaltungen pro Saison, etwa 50 Vermietungen an andere Anbieter, dazu kommt Nicht-Musikalisches, auch der DFB hat hier schon getagt.

Vor allem aber existieren „zwei Publikume“, wie es Babette Nierenz formuliert. Zum einen sind da die sehr grau- bis weißhaarigen Stammhörer der Essener Philharmoniker, zum anderen die Fans der Gastensembles. Und da greift die Krupp-Stadt schon sehr hoch. In dieser Spielzeit haben die Berliner Philharmoniker hier eine Residenz. In einem Kammerkonzert spielt deren Star-Oboist Albrecht Mayer mit dem Schumann-Quartett Mozart und Schnittke. Über der Bühne schwebt ein holzverkleidetes Riesen-Ufo als akustisches Element. Selbst im hinteren Drittel des 1900-Plätze-Saales ist der Klang so präsent, dabei nie zu direkt und mit sanftem Hall gepolstert, dass man sich nicht satthören kann – eine Akustik aus dem Planegger Hause der Firma Müller-BBM.

„Der Gasteig ist abrisswürdig“

Überhaupt die Akustik. Wer dem Vortrag von Brigitte Graner lauscht, der denkt sich: Ein solcher Unfall wie der Münchner Gasteig kann heute, mit all den Computermodellen und -simulationen, nicht mehr passieren. Graner, die mit ihrem Büro die Dortmunder Klangausstattung besorgt hat, steht einsam mit ihrem Laptop vor einer großen Leinwand auf der Bühne des dortigen Konzerthauses. „Abrisswürdig“ nennt sie den Gasteig. „Die Philharmonie ist so schlecht, weil sie 25 Meter breit ist.“ Naturgemäß findet Graner dagegen den schmalen Dortmunder Raum mit seinen klinisch lichten Wänden und Stühlen „einfach toll“, und das stimmt ja auch.

Überhaupt geht man in der Borussia-Stadt frecher, unkonventioneller mit dem eigenen Saal um. Auch hierher kommen viele Edel-Gäste, Exklusivkünstler ist heuer Andris Nelsons. Aber geworben wird mit einem geflügelten Nashorn (weil das Tier angeblich so gut hören kann), und diese Spielzeit werden erstmals Backstage-Informationen angeboten. Um die große Klais-Orgel geht es oder, wie an diesem Abend, um die Akustik. Man staunt: In der 1550-Plätze-Halle sitzen tatsächlich über 300 Interessierte, obwohl es keinen Mozart, keinen Brahms gibt, sondern eine Vorlesung.

Ähnlich wie Essen organisieren die Dortmunder gut 100 Eigenveranstaltungen. Der Vorteil: Die Halle ist keine Abspielstätte wie der Gasteig, das Geschäft kann künstlerisch gesteuert werden. Notwendig ist dafür ein Intendantenmodell, das fast überall in Nordrhein-Westfalen praktiziert wird. Für den neuen Münchner Saal sollte man sich also tunlichst überlegen, ob man nicht auf Ähnliches zurückgreift. Doch scheinen die Interessen – der Bayerische Rundfunk auf der einen Seite, einflussreiche Privatveranstalter wie Andreas Schessl auf der anderen – dieses zu verhindern. Was droht, ist eine Art „Gasteig II“.

Dirigent Steven Sloane und sein Musikwohnzimmer

Die Bochumer haben ein Intendantenmodell nicht nötig. Hier werden keine teuren Ensembles eingeladen, hier will man nicht in Konkurrenz zu den anderen Städten treten, hier haben allein die „Bosys“, wie  das Orchester liebevoll genannt  wird, das Sagen. Und der neue Saal mit seinem hellen Kirschbaumholz aus Pennsylvania, den noch helleren Stühlen und dem Deckengitter, hinter dem akustischer Extra-Raum eröffnet wird, signalisiert auch: Wir sind kein Palazzo prozzo, wir sind das Musikwohnzimmer. Sogar Stores hängen an der Rückwand. Keine Gardinenwerbung, alles aus Klanggründen (auch Müller-BBM).

Sehr direkt tönt der Saal, klar, trennscharf, mit kleinem Nachhall, aber auch unbarmherzig. Fehler werden nicht verziehen. Aber er ermöglicht sogar Kolossen genügend Raum zum Atmen. Fürs Eröffnungskonzert fährt Dirigent Steven Sloane gleich zwei auf. Neben Mahlers erster Symphonie wird vor der Pause „Baruch ata Adonaj“ (Gesegnet seist du, Herr) uraufgeführt, eine Kantate des Bochumer Komponisten Stefan Heucke. Schwierig sei es gewesen, aus den zwei Zeilen des Segensspruchs einen Halbstünder zu entwickeln, sagt Heucke. Überhaupt hatte er einige Vorgaben zu beachten: Örtliche Ensembles von der Musikschule bis zum Philharmonischen Chor sollten eingebunden werden. Und so ziehen sie nun ein zu einer halbszenischen Choreografie, nehmen, wie auch die „Bosys“, ihren so schwer erkämpften Saal für alle sichtbar in Besitz.

„Heimat“ und „Zuhause“, diese Wörter fallen bei Sloane sehr oft, immerhin seien seine Musiker doch die meiste Zeit des Tages hier. Auch die Stadtverantwortlichen waren irgendwann beruhigt. Mit 38 Millionen Euro Baukosten liegen die Bochumer im deutschen Vergleich an der unteren Grenze. Eingespart wurde alles, was man nicht unbedingt braucht, auch die Orgel. Zum Vergleich: Dortmund kostete 48 Millionen, der Essener Umbau 75 Millionen, München rechnet mit 200 Millionen. Auch wenn Sloane also noch den Sekt für seine Musiker organisieren und sich irgendwann fürs Eröffnungskonzert verschönern muss: Für  das klassische Foul ist immer Zeit. „Wir liegen bei fünf Prozent der Elbphilharmonie.“

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