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Im Wohnzimmer fürs Randrepertoire: Blick in den kleinen Saal der Elbphilharmonie, der flexibel bestuhlt werden kann.

Eröffnung des kleinen Konzertsaals

Elbphilharmonie: Die ungleiche Schwester

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Hamburg - Zeitgenössisches, Abseitiges, all das soll im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie gespielt werden. Und der klingt überraschend anders als der Giga-Weinberg nebenan.

Sobald man durch die Tür ist, machen sich die Hände selbstständig, wollen fühlen, ertasten, spüren, be-greifen. Im großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie ist das so, erst recht im kleinen. Dort, wo die Wände aussehen, als sei ein riesiger brauner Eierkarton nass geworden. Eine geriffelte, gewellte Holzstruktur, ebenfalls erdacht von Akustiker Yasuhisa Toyota, die nicht nur klangliches, sondern auch haptisches Erlebnis bietet. Dass in einigen Jahren Tausende dabei ihren Schweiß und ähnliche, hier nicht näher zu definierende Dinge hinterlassen haben: Auch dies dürfte der listige Japaner einkalkuliert haben.

Der kleine Saal, am Donnerstagabend mit einem Konzert des Residenzorchesters, dem Ensemble Resonanz, eröffnet, ist die sehr ungleiche Schwester der gewaltigen Weinberg-Struktur nebenan. Das liegt nicht nur an der rechteckigen, viel kleineren Kubatur: Warm ist die Akustik, naturgemäß viel direkter. Ein Klang, der mehr den Bauch als den Kopf trifft – angesichts der geplanten Programmatik mit Zeitgenössischem und Abseitigem eine hübsche, hintergründige Sache. Man sitzt am Lagerfeuer der Moderne. Ein Wohnzimmer fürs Randrepertoire, das außerdem sehr flexibel ist: Überall können Bühne oder Sitzreihen postiert werden, die Lösung für den ersten Abend – Podium auf einer Schmalseite, gegenüber die ansteigende Tribüne – ist nur eine von vielen. Was immer bleibt, ist die Holzverschalung, die Galerie und der dunkle „Technikhimmel“ mit seiner Scheinwerfer-Galaxie.

Gemäßigte Neutöner beim Eröffnungskonzert

Von der Galerie aus wird man beim Hereinkommen auch schon mit Musik umhüllt. Georg Friedrich Haas hat für die Premiere „Release“ geschrieben. Einen 25-Minüter mit in sich verschobenen Eso-Liegeklängen und typischen Mikrotontüfteleien. Der 360-Grad-Effekt verdichtet und konzentriert sich: Immer mehr Instrumentalisten wandern auf die Bühne, bis das Orchester komplett ist. Musik und Inszenierung fallen in eins, ein sehr passender, nicht zu verstörender Auftakt. Etwas verstörend wirkte schon eher der Intendant. Bei Christoph Lieben-Seutter hat sich nach der Eröffnung des großen Saals wohl eine gefährliche Menge Oberwasser angesammelt, die nicht mehr abfließen kann. Munter und etwas fahrig plaudernd verließ der Chef sein Rede-Manuskript, ätzte gegen den (eigentlich als Finanzier tätigen) Rotary Club und protzte mit der Kartennachfrage: „Wir kriegen den großen Saal auch mit Kamm blasenden Putzfrauen voll.“

Nach dem bizarren Intermezzo blieb’s bei gemäßigten Neutönern. Mit Alban Bergs frühen Liedern rutschte man sogar in die verdämmernde Spätromantik: Sopranistin Sandrine Piau ließ Text- und Klangrelief musterhaft eins werden. Emilio Pomàrico dirigierte eine Neufassung von 2015, die Johannes Schöllhorn erstellt hat. Die basiert nicht auf Bergs Orchestrierung, sondern will das Ungeebnete der Klavierfassung ins Großformat retten. Dass Akustiker Toyota auch beim kleinen Saal auf größtmögliche Klarheit setzt, kommt gerade dieser Musik zugute. Vorausgesetzt, man findet ein solches Orchester – und einen Dirigenten wie Pomàrico, der bei der Moderne nicht auf sachkundiges Verbuchen, sondern auf energisches, animierendes Gestalten setzt.

Der eigentliche Clou nach der Pause: Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Eine halbe Stunde, mit der das Ensemble Resonanz die Leistung des NDR Elbphilharmonie Orchesters vom Vortag ausstach. Volles Risiko im Leisen und in der Geschlossenheit, glühendes, symbiotisches Auftrumpfen bei den großen Stellen. Nicht nur der Senat allein könne dieses wunderbare Ensemble unterstützen, hatte Bürgermeister Olaf Scholz in seiner Rede listig gesagt. Deshalb: Auf Mäzene, ran an die Konten.

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