Erotik kam nur von Thielemann

- Gemäkel an seinen jungen Regie-Wilden, das verbat sich der Prinzipal. Erst einmal anschauen, dann maulen, empfahl Wolfgang Wagner am Samstag auf seiner Bayreuther Pressekonferenz. Von Martin Kusej, 2004 für den "Parsifal" vorgesehen, habe man sich einvernehmlich getrennt, da er von Sängern Unzumutbares wollte. Überhaupt Schlingensief: So, wie der Provokateur Komik ins Absurde treibe, so werde sich dieses, mit anderen, ernsteren Vorzeichen, auch beim "Parsifal" verhalten. Also noch wagneresker? Bühnenweihfestspieliger?

<P>Als Valium für schon im Vorfeld Entsetzte wird seit letztem Jahr Philippe Arlauds "Tannhäuser" verabreicht. Als Kost für jene, denen Entzug von Wolfgang Wagners Taten droht, denn: Auch bei der Wiederaufnahme erinnerte die Produktion fatal an die Ästhetik des Komponisten-Enkels. Nur ein bisserl aufgehübschter, ein bisserl in knalligere Farben getaucht und von peinvollem Kitsch umkränzt. Die Symmetrieverliebtheit, das Schreit- und Stehtheater sowie stereotypes Händeringen, wo Musik und Text in Erotik rasen _ eine regielose Bebilderung, nicht mehr. Dass der Titelheld (Glenn Winslade sang in mit heldisch breiter, manchmal diffuser und anfangs zu tiefer Tongebung) dem Venusberg entfloh, wird kaum klar. Wahrscheinlich hatte er einfach die drei Ballett-Grazien satt, die ihn nervend umwuselten.</P><P>Getragen wird die Produktion von ihm: von Christian Thielemann am Pult eines Festspielorchesters in Bestform. Standing Ovations für ihn, der schon die Ouvertüre zum Mirakel an sublimer Binnenspannung werden ließ. Der Lyrisches im lustvollen "Verweile doch" ausbreitete, Stimmengeflechte der großen Ensembles klug lichtete, der auch bei Zuspitzungen effektvoll "Zucker gab". Und so ein fast perfektes Gefühl für das Verhältnis von Tempo und musikalischer Substanz zeigte: Celibidache hätte huldvoll gelächelt.</P><P>Wundermomente des Festspielchors</P><P>Sängerisch bleibt das Ensemble vom Optimum weit entfernt, hat aber seit 2003 an Format gewonnen. Vor allem Ricarda Merbeth, die die Elisabeth mit großer, dramatischer Geste und silbrig-ausladendem Sopran gab. Roman Trekel ist nicht der typische Wolfram mit Säusel-Bariton, bestach aber durch gestalterische Intelligenz und durch den Facettenreichtum,<BR>mit der die Partie vom Melancholischen ins Tragische gerückt wurde. Kwangchul Youn: ein imponierender, etwas grobkörnig timbrierter Landgraf; Barbara Schneider-Hofstetter (Venus) lieferte Heroinen-Aplomb gepaart mit Diktionsarmut. Wundermomente gelangen dem Festspielchor, der unter Eberhard Friedrichs Ägide nuancierter zu singen scheint, mit schmiegsamer Phrasierung, weniger auf große Klangwölbung bedacht. Jubelorkane für ihn. Philippe Arlaud kam ungeschoren davon - immerhin lässt sich in seinem nichts sagenden Bühnenbild (die Lösung!) problemlos auch Schlingensiefs "Parsifal" spielen.</P>

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