Erotik der Todesnähe

- An der Narrheit der Welt zum Narren werden. Daran, wie wichtig sich die unwichtigen Menschen nehmen. Und über die Vorbestimmtheit, der niemand entkommt, sei die Flucht auch noch so ausgeklügelt. "Ich glaube, es gibt Menschen, die sind unglücklich, nur weil sie sind", heißt es in Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena", das er als 23-Jähriger 1836 schrieb. Ein genialer Vorgriff auf das absurde Theater. Deshalb auch blieb "Leonce und Lena" unverstanden und lange unaufgeführt. Die Urinszenierung erfolgte erst 1885 durch das Münchner Intime Theater.

<P>Was für einen wahnwitzig-weisen Text Büchner der deutschen Literatur und dem Theater damit geschenkt hat, macht einmal mehr eine alte Rundfunkaufnahme des Stücks bewusst. 1958 sendete der SWF "Leonce und Lena" als Hörspiel - unter der Regie von Gert Westphal. Als Leonce ist kein Geringerer als Oskar Werner zu hören, als sein Kumpan Valerio der große Werner Krauß. Stärker lässt sich der Kontrast zwischen diesen beiden Rollen nicht denken. Hier der junge Leonce, der königliche Décadent, der Weltenzweifler und Zyniker; überdurchschnittlich verkörpert von Oskar Werner, dessen säuselnde Stimme wie geschaffen ist für diese Figur. Verzückte Todesnähe. Die Erotik des Lebensfinales. Der Übermut der Person von Stand.</P><P>Und da Valerio, der in dieser Fassung kein junger Mann ist, sondern vom damals schon 74-jährigen Krauß gesprochen wird. Aber wie wunderbar er dies tut! Wie sozial geerdet! Ein altersgewitzter Lumpenproletarier. Hoch modern.</P><P>In bestechender Klarheit und sinnlicher Präsenz behauptet sich in dieser Aufnahme die Sprache Georg Büchners, der tiefe Gehalt des Stücks, transportiert von wunderbaren Schauspielern, zu denen auch Gertrud Kückelmann als Lena und Nicole Heesters als Rosetta gehören. Ein Hör- und Erkenntnisgenuss.<BR></P><P> </P>

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