Erotikfreie Zone

- Wirkt's jetzt oder nicht? Ein todessüchtiges Schlürfen war das ohnehin nicht, als beide zu Brangänes Liebestrank griffen, eher ein Nippen am Stamperl. Und jetzt sitzt Tristan geschätzte zehn Meter von Isolde entfernt, die sich verdutzt den Puls fühlt: Kommt noch was? Aber ganz ehrlich, an animalisches Sehnen, an eine Orgie der Gier und Triebhaftigkeit denkt eigentlich keiner, der Christoph Marthaler für eine Inszenierung bucht. Erwarten die meisten bei Richard Wagners handlungsärmster Oper Fieberekstasen, die sie als Parkettvoyeure "ausleben" können, bietet der Schweizer gerade mal 37,5. Also erhöhte Temperatur.

Das irritiert natürlich. Besonders die Gäste der Bayreuther Festspiel-Premiere, die Marthaler und Ausstatterin Anna Viebrock mit Buhs überschütteten. Wagners Hymne der Nacht begegnet das Duo ganz prosaisch und doch recht enttäuschend mit einer weiteren Folge aus der bekannten Skurrilitätenfabrik: Figuren, die sich irgendwie auf die Szene verirrt haben, auf sich selbst zurückgeworfen scheinen, verloren und verlassen, einsam und kontaktlos, Liebe suchend und doch an ihren Macken und Verklemmungen scheiternd.

Orchester schaltete auf Autopilot

Dazu passt Anna Viebrocks Warteraum-Ambiente der 50er-Jahre, ein Mittelding zwischen Hotelhalle und angegammeltem Schiffssalon, von Marthaler zur erotikfreien Zone erklärt. Ein von Viebrock sattsam variiertes Interieur, das sich - Achtung Neuheit! - aktweise nach unten erweitert, bis wir im Keller mit Tristans Krankenbett angelangt sind, das am Ende Isolde besteigt, um sich zum Liebestod das Leichentuch übers Gesicht zu ziehen.

Kleine, intime Momente der Poesie und des Humors gibt es freilich schon und werden im ermüdenden Fortgang dankbar wahrgenommen. Wagners Chiffren der Nacht und der Liebe übersetzen Marthaler/ Viebrock in Spielereien mit Leuchtstoffröhren. Anfangs am schwarzen Himmel mit wandernden Neon-"Sternen", im zweiten Akt als gleißendes Bürolicht, das die vorwitzige Isolde, mit gestrecktem Zeigefinger auf die Lichtschalter zugehend, immer wieder ausknipsen will.

Natürlich ist es amüsant, wenn die Eigenheiten der Sänger durch die Regie noch potenziert werden. "Tristan, der Held"? Der ohnehin reservierte Robert Dean Smith könnte mit seinem Marinesakko glatt als Schriftführer beim Segelclub SC Cornwall amtieren. Nina Stemme (Isolde) wandelt sich von der züchtigen Abgesandten aus den Zwanzigern zur reifen, locker gekleideten Frau. Spielen die Hormone verrückt, gibt's bei Marthaler lediglich Fingerstrip (das Ausziehen von Handschuhen) und eine Lockerung von Krawatte und Kostümblazer.

Aber mag sich der Frust über die Szene stetig steigern: Wann erlebt man schon ein vokal so fulminantes Liebespaar? Wann überhaupt hat man das Duett des zweiten Akts so schön, so elysisch gestaltet erlebt? Smith singt den Tristan mit kontrollierter, kluger Phrasierung, mit schmiegsamem, obertonreichem und daher sehr tragfähigem Tenor. Berückende Lyrismen entlockt er der Mörderpartie, gibt sich auch im dritten Akt überlegen, wo andere forcieren, bellen und das gern als Dramatik verkaufen. Der unangekränkelten Stimme fehlt wohl das rollengemäße Element des Scheiterns, der Gefährdung, doch verblassen solche Einwände vor Smiths Gesamtleistung.

Den größten Erfolg feierte allerdings Nina Stemme, die an diesem Abend viele Kolleginnen vom Isolden-Thron stürzte. Darstellerisch war sie die Einzige, die Marthalers Kammertheater mit Wärme, großer Menschlichkeit und Kraft, mit kokettem Witz und dramatischer Energie erfüllte. Ihre Isolde "brennt" einfach, auch vokal, wo die Stemme das Spektrum vom mädchenhaften, berührenden Melos bis zum heroinenhaften Aplomb auslotete. Dabei ist ihr Sopran eigentlich nicht hochdramatisch, ihm fehlt das typische Metall, dennoch gelangen Passagen von triumphierender Wucht und Intensität.

Der Rest des Ensembles fiel dagegen ab. Petra Lang (Brangäne) scheint auf Soprankurs, dies aber zuweilen auf Kosten von Prägnanz und Balance des Tons. Kwangchul Youn, hier nicht larmoyanter Marke, sondern asiatischer Apparatschik, verließ sich auf seinen grobkörnigen Bass. Und Andreas Schmidt, ein rapide alternder Kurwenal, der am Ende Tristans Lager umtatterte, hatte nurmehr die Ruine seines früheren Liedbaritons vorzuweisen.

Was dem Graben entströmte, war man am Grünen Hügel nicht gewöhnt: Dirigent Eiji Oue brachte schon das Vorspiel ins Straucheln, produzierte später Irritationen und Indifferentes statt einer stringenten, sich entwickelnden Deutung. Und wenn's mal mächtig rauschte, schien der Furor zu verpuffen, ansonsten schaltete das Festspielorchester einfach auf Autopilot.

Vielleicht hätte Marthalers Regie weniger ermüdet, wenn die Musik die Leerstellen besetzt hätte. Allerdings: Die Verweigerung von Aktion haben schon viele ausprobiert, zuletzt Heiner Müller bei seinem Bayreuther "Tristan". Doch erzeugt das nicht automatisch Spannung, entpuppt sich im aktuellen Fall vielmehr als Stil-Zitat, manchmal auch als Masche. Mit Marthalers Instrumenten ist dem "Tristan" jedenfalls nicht beizukommen: Brangäne, bitte nachschenken!

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