Erotische Rebellin

- Flamenco als erzählendes Medium, als aufregendes Tanzdrama, das ist vor allem zwei Choreographen zu verdanken: Antonio Gades, durch die Carlos-Saura-Filme "Bluthochzeit" und "Carmen" weltberühmt geworden, und Rafael Aguilar. Beide Künstler sind schon verstorben, Aguilars Ballet Teatro Espanol hat überlebt. Unter der Leitung von Carmen Salinas tourt das Ensemble seit 1995 erfolgreich durch die Welt.

In München kennt man bereits einen Gutteil des Repertoires. Umso dankbarer ist der hiesige Aficionado, dass er jetzt, neben "Bolero" und "Suite Flamenca", zum ersten Mal "El Rango" (1964) zu sehen bekommt, frei nach García Lorcas Stück "Bernarda Albas Haus" (Prinzregententheater).

"El Rango" - ein Stück mit Klassikerqualität. Nicht umsonst erwarb es Gades 1977 für das damals von ihm geleitete Spanische Nationalballett. Die vom "sozialen Rang" besessene, im Trauerschwarz versteifte Witwe Bernarda Alba, die fünf hinter verschlossene Läden gesperrten Töchter, der Ausbruchsversuch der Jüngsten - das ist zu gregorianischen Gesängen oder dem aufbegehrenden Absatztrommeln der in ihrer unterdrückten Sexualität verzweifelten jungen Frauen in eine bezwingend streng-schöne dramatische Form gegossen. Überzeugend als erotische Rebellin die junge Carmen Angulo.

Sehr jung auch Josua Vivancos, für Ravels "Bolero" ein bisschen zu jung. Er tanzt den 17-Minuten-Marathon aus klassisch-modernen Bewegungen technisch sauber, tanzt "schön". Aber man sieht nicht, warum er das tanzt. Deshalb auch keine Spannung zwischen ihm und der Musik, ihm und dem Rhythmus klöppelnden Frauen-Corps. Der "Bolero" braucht Lebenserfahrung. Ein inneres Erleben. Ein Feuer. Und das hat man bei Carmen Iglesias in der abschließenden "Suite Flamenca" gesehen. Warum nicht sie im "Bolero" (Maurice Bé´jart besetzt seine Version ja auch weiblich)? Wie die Iglesias ihre "Petenera" gestaltet, einen von Gesang begleiteten, pointiert langsamen Tanz, ist ein Höhepunkt des Abends. Hier lockt eine Loreley die Männer in den Abgrund, mit jeder hocherotisch geladenen, aber immer verhaltenen Geste.

Und dann Francisco Guerrero in "seiner" Farucca: ein Flamenco-Lodern, das sich, bewusst gezügelt, nur in einem hocheleganten Schlagwerk federleichter Absätze entladen darf. Seit seinem Aguilar-Debüt 1999 ist er gereift, wohl nicht zuletzt durch seine neue Verantwortung als künstlerischer Koordinator: blendend geprobt das Ensemble, angeführt von der temperamentvollen Rosa Jimé´nez, sehr kultiviert auch die Flamenco-Musiker und -Sänger. Insgesamt hör- und sehenswert.

Bis zum 13. August, Karten 089/ 930 64 94.

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