+
Triumph-Figur: Lucia Lacarra (Titania/ Hippolyta)

Auf erotischer Erkundungstour

München - Das Bayerische Staatsballett zeigt eine Neufassung von John Neumeiers „Sommernachtstraum“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Unreife Sehnsüchte, Gefühls-verwirrung, Liebe – vielleicht – und eindeutig Erotik, das ist, intelligent dicht an Shakespeare und dabei fantasievoll tänzerisch, John Neumeiers Ballett „Ein Sommernachtstraum“. Anhaltender Applaus im Münchner Nationaltheater für den Abend und seinen Schöpfer, der sich in hanseatischer Zurückhaltung mit dem Ensemble verbeugte.

Natürlich ist es eine Hommage an den Hamburger Ballettintendanten und großen Choreographen, wenn dieses Ballett von 1977, das Staatsballettgründerin Konstanze Vernon bereits 1993 ins Repertoire holte, jetzt überraschend als „Premiere der Neufassung“ deklariert wird. Dispositionstechnisch war auch Zeitdruck im Spiel: Die Staatsoper hatte wegen ihres 50. Wiedereröffnungs-Jubiläums und der Neuproduktion der „Frau ohne Schatten“ dem Ballettensemble ein frühes Premierendatum vorgegeben. Nur sechs Wochen nach der Sommerpause, so heißt es aus der Direktionsetage, wäre kein ganz neues Werk realisierbar gewesen.

Gleichviel, verdient ist diese Ehrung: Neumeier, nach John Cranko und Kenneth MacMillan heute weltweit der subtilste Tanz-Erzähler, hat dem Staatsballett die immer lange im Voraus ausverkauften Klassiker „Nussknacker“, „Kameliendame“ und „Sommernachtstraum“ überlassen. Was er hier nun geändert, wie er welche bewegte Geste psychologisch noch vertieft hat (für sein „denkendes Tanzen“ ist er ja berühmt), wird der Zuschauer kaum erkennen – nur, ob dieses Überkreuz-Spiel des Begehrens und Irrens uns heute noch anspricht.

Und? Ja: Man wird fortgetragen von dieser dramaturgischen Leichtigkeit der sich mischenden, überlagernden Gesellschaften, jetzt zu Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“ (am Pult Michael Schmidtsdorff), dann zu György Ligetis eingespieltem sphärischem Brausen, Orgeln und zimbeligem Klingeln. Eben hat inmitten biedermeierlicher Hofgesellschaft Hippolyta an der Ehetauglichkeit ihres Verlobten Theseus gezweifelt. Und schon träumt sie sich in Jürgen Roses bestirntem, zauberischem Olivenhain hinein in die Feenkönigin Titania. Ilia Sarkisovs technisch souveräner „Wirbelwind“- Puck, ganz der treue Diener von Titanias Gatten Oberon, hat mit seiner wirksam bestäubenden Zauber-Blume die Liebesgerichtetheit der beiden jungen Paare Helena/Demetrius und Hermia/Lysander vertauscht. Während die sich in wilde verlangende und widerspenstige Pas de deux verstricken, tölpeln immer mal wieder mit ihrem Drehorgel-Karren die Handwerker durchs nächtlich aufgewühlte (Liebes)gelände. Und kühl unbeirrt von diesem emotionellen Tohuwabohu ziehen Neumeiers Elfen, weiße Schattenwesen, ihre Bahnen.

Das ist formal schon exquisit, dieses gegensätzliche synchrone Ineinander einer pointiert modernistisch-skulpturalen Elfenschar, der sich auch überkreuz liebenden Paare und der rüpeligen Handwerker-Crew – deren Laienspiel „Pyramus und Thisbe“ beim herzoglichen Hochzeitsfest das Publikum hörbar amüsierte. Und spielerisch unaufdringlich, ja heiter, spiegelt uns dieser sommernächtliche Traum ganz allgemein des Menschen Torheiten und Irrwege in Sachen Liebe und Partnersuche – ob nun durch Blütensaft oder Hormonschub.

Richtig gefreut hat sich frau, dass Lucia Lacarras Titania alias Hippolyta sich mit Cyril Pierre als liebestollem Eselchen alias Zettel herrlich emanzipiert auf erotische Erkundungstour wagt. Und wenn Lacarra, in gertenschlank-hindekorierter Triumph-Figur hoch oben auf ihrem Theseus/Oberon Marlon Dino thront, weiß man doch, dass im Ballett nicht nur platonische Sylphiden das Sagen haben. Alles gut?

Für heutige Smartphone-User und Multi-Tasker ist das Ballett eine halbe Stunde zu lang. Man muss sich hier entschleunigen. Und technisch: Neumeiers Pas de deux sind Atemkiller und irre vertrackt. Sehr gut und komisch Lisa-Maree Cullum und Javier Amo (Helena/Demetrius). Dito Daria Sukhorukova (Hermia). Bei Matej Urban (Lysander) merkte man den kurzfristigen Einspringer. Insgesamt ist das Ensemble noch nicht vollkommen Saison-fit. Also noch mal reingehen. Wenn Gastballerina Polina Semionova und Matej Urban die Hauptrollen tanzen.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen:

heute, 17., 19., 23. und 26. Oktober; Telefon 089/ 2185 1920

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Opernsänger kämpft sich ins Leben zurück: „Es ist ein Wunder“
Bis vor kurzem hat Johannes Martin Kränzle nicht geglaubt, dass er jemals wieder auf der Opernbühne stehen würde. Jetzt probt er sogar bei den Bayreuther Festspielen.
Opernsänger kämpft sich ins Leben zurück: „Es ist ein Wunder“
Schock für Deichkind-Fans: Munich Summer Beats Open 2017 abgesagt
Über tausende Menschen hatten sich schon Tickets gesichert: Die Munich Summer Beats Open 2017 wurden abgesagt. Der Veranstalter erklärt auf Facebook, warum.
Schock für Deichkind-Fans: Munich Summer Beats Open 2017 abgesagt
Mikael Nyqvist: „Ich will das Publikum spüren“
Der schwedische Schauspieler Mikael Nyqvist ist tot. Er sei im Alter von 56 Jahren nach einem Kampf gegen Lungenkrebs gestorben, teilte seine Sprecherin Jenny Tversky …
Mikael Nyqvist: „Ich will das Publikum spüren“
Ilse Neubauer feiert 75.: Ein guter Jahrgang
Das Ilse-Hasi aus der Hausmeisterin, die Oma aus den Eberhofer-Krimis: Schauspielerin Ilse Neubauer ist seit vielen Jahrzehnten bekannt und beliebt: Heute feiert sie …
Ilse Neubauer feiert 75.: Ein guter Jahrgang

Kommentare