Ersatzbankbeschäftigung

- Oh Schreck, oh Schreck, die Fußballflaute! Was soll man bloß tun heute, am 2., 3., 6. oder 7. Juli? Wenn die Spieler dankbar ihre Waden ausschütteln, wenn die Fans griesgrämig ein kurzes WM-frei anstimmen, wenn das Fernsehen einem trüben Testbild gleicht und die Fahnen schlaff herunterhängen? Ganz einfach. Man schafft sich einen neuen Spielraum und eine Ersatzbankbeschäftigung zum Fußballschauen: das Fußballlesen, im rasengrünen Schutzumschlag natürlich.

Vorschlag mit der Rückennummer Eins für die eingespielteren Fans, die sowohl tränige Nostalgie als auch ironiegeladene Kritik auf dem Fuß haben: Albert Ostermaiers gesammelte Kicker-Rhythmen in "Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut". Treffsicher verwurschtelt der Münchner Dramatiker und Lyriker darin seine Erinnerungen an vergangene EMs und WMs mit sprichwörtlichen Spieler-Zitaten und verwandelt sie in beidfüßig flinke Verse und kurzatmige Minidramen.

Einer kommt dabei trotz einiger kecker Fouls geradezu odenhaft weg: Oliver Kahn, "der Titan". Und weil der Fußball schon immer als Metapher taugte, pumpt ihn Ostermaier auch gewieft politisch, philosophisch auf, etwa im Gedicht "der stein des anstoßes", welches grinsend beginnt: "man muss sich camus als einen glücklichen torwart vorstellen".

Vorschlag mit der Rückennummer Zwei richtet sich vor allem an diejenigen, die den Fußball als Männerdomäne hinterfragen. Aufgestellt ist eine Schreib-Mannschaft aus elf Schriftstellerinnen, deren Texte rund um den Ballsport eine längst nicht nur einseitige Anthologie ergeben. Denn in "Aus der Tiefe des Traumes" klaffen die Meinungen und Stimmungen weit auseinander. Doch ob nachdenklich oder spaßig, in Zuneigung zum Frauenfußball oder in Abneigung gegen Machofußball, von Sibylle Berg bis Fanny Müller - eines zeigen sie alle: Fußball ist unser Leben. Irgendwie, irgendwann.

"Wie viel wäre mir im Leben erspart geblieben, wenn ein weiser Schiedsrichter mir - rechtzeitig - die gelbe Karte gezeigt hätte", schreibt Dagmar Leupold. "Das Leben selbst hält nur die roten parat; ihre Wirkung ist so unbestreitbar wie effizient, aber man lernt nichts aus ihnen."

Albert Ostermaier: "Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut". Suhrkamp, Frankfurt/Main, 114 Seiten; 7 Euro. Der Autor moderiert am 7. Juli, 20 Uhr, den Fußballabend "Endspielfieber" im Münchner Literaturhaus. Karten: 089/ 29 19 34 27.

"Aus der Tiefe des Traumes. Elf Frauen erzählen Fußballgeschichten". Luchterhand, München, 176 Seiten; 9 Euro.

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