Erst die Familie, dann das Singen

- Für Adrianne Pieczonka ist die Sieglinde in der "Walküre" ihr Bayreuther Debüt. Münchner Opernfans kennen die Kanadierin unter anderem als Elsa ("Lohengrin"), Alice ("Falstaff") oder Marschallin ("Rosenkavalier"). 2008 singt sie im Nationaltheater die Titelrolle in der "Ariadne"-Premiere mit Kent Nagano am Pult und in der Regie von Willy Decker.

Ist es ein Klischee - oder ist Bayreuth wirklich das Mekka?

Adrianne Pieczonka: Oh ja. Jeder Maskenbildner, jeder Kostümschneider ist wie besessen dabei. Musikalisch wird wahnsinnig genau gearbeitet. Thielemann hat mehrere Assistenten. Und jeder weist ihn ständig auf Verbesserungen von Kleinigkeiten hin. Text, Ausdruck, Noten. Manchmal ist es fast zu viel (lacht): Da denke ich mir: Was soll ich überhaupt noch anders machen? In der Opernwelt ist das die Ausnahme. Sonst kommt man, trifft die Kollegen, der eine reist drei Wochen später an. Am Anfang dirigiert der Assistent, der Chef kommt danach, oft mit anderen Tempi. Man arrangiert sich halt.

Wie ist es, mit einem Regisseur zu arbeiten, der ja eigentlich gar keiner ist?

Pieczonka: Grundsätzlich bin ich froh, dass ich die Partie schon vorher gesungen habe. Tankred Dorst ist kein Regisseur, der etwas vorspielt. Er lässt etwas anbieten. Und das tu' ich gern.

Sieglinde ist eine so dankbare Partie. Was kann man überhaupt falsch machen?

Pieczonka: Für mich ist sie perfekt. "Du bist der Lenz" oder "Oh hehrstes Wunder", das sind Zuckerl. Stellen, mit denen man beim Publikum fast automatisch ankommt. Ich hätte in Bayreuth heuer gern mehr als diese drei Zyklen gesungen. Denn das Problem ist: Zwischen der ersten und zweiten "Walküre" habe ich fast zwei Wochen Pause. Da ist es schwierig, die Spannung zu halten.

Muss man in Europa Karriere gemacht haben, um als Wagner-Sänger in den USA oder Kanada anerkannt zu sein?

Pieczonka: Ich bin aufgewachsen in Kanada, habe dort studiert, wollte aber immer nach Europa und habe meine Karriere in Wien begonnen. Ich finde es wichtig, Erfahrungen mit der Sprache, mit dem Essen, mit der Mentalität, überhaupt mit der gesamten Kultur zu sammeln. Das bringt viel, um in die Fußstapfen anderer Wagner-Sänger zu treten.

Sie wollen aber in Toronto bleiben?

Pieczonka: Ja. Ich habe vorher in London gelebt und mir jetzt ein Haus in Kanada gekauft. Meine ganze Familie ist dort, ich habe mit meiner Lebensgefährtin eine neun Monate alte Tochter. Momentan singe ich zu 70 Prozent in Europa, zu 30 Prozent in Nordamerika. Ich möchte aber 50:50, sogar 60:40 für Amerika erreichen - wobei mir meine Beziehungen zu München und Wien immer wichtig bleiben werden.

Hatten Sie auch das Gefühl, Sie verpassen durch Ihre Engagements etwas?

Pieczonka: Ich singe gar nicht so viele Abende, 40 bis 50. Anfangs war da schon Besessenheit und Ehrgeiz. Jetzt ist für mich die Familie Nummer eins, dann kommt das Singen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe meinen Beruf. Aber ich will einfach die wichtigen Sachen im Leben genießen. Wenn man 80 ist, dann sind viele Aufführungen vergessen, ein wichtiges Ereignis in der Familie aber nicht. Stars wie Netrebko imponieren mir, ich finde sie toll. Manchmal denke ich auch: Wieso nicht ich? Aber so einen Wirbel könnte ich gar nicht aushalten.

Wann hatten Sie Ihr erstes Wagner-Erlebnis?

Pieczonka: Erst während meines Wiener Engagements erlebte ich den ersten Wagner. Verdis "Troubadour", meine erste Oper überhaupt, habe ich in einem kleinen Ort bei Toronto gesehen. Früher dachte ich: Wagner, das sind doch die dicken Frauen mit den gehörnten Helmen.

Gibt es Partien, die - abgesehen von der Stimme - nicht zu Ihnen passen? Könnten Sie überhaupt so böse wie Ortrud sein?

Pieczonka: Ich glaube schon. Immer diese netten, dummen Gänse wie Elsa, die am Schluss ohnmächtig werden oder sterben, das wäre etwas langweilig. Möglicherweise singe ich ja auch, wenn ich älter bin, ein bisschen im Mezzo-Fach. So verführerisch, bös' und schön wie Ortrud sein, das könnte mir schon gefallen. Ich bin da neidisch auf Waltraud Meier.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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