Erst Gaudi, dann Gemetzel

- "Uns ist in alten maeren wunders vil geseit/ von helden lobebaeren, von grozer arebeit,/ von freuden, hochgeziten, von weinen und von klagen. . ." Mit den Anfangsversen des "Nibelungenliedes" beginnt auch Moritz Rinkes Drama "Die Nibelungen", das Samstagnacht vor dem Wormser Dom als Freilichttheater uraufgeführt wurde.

<P>Da diese neu initiierten Festspiele vom ZDF energisch unterstützt werden, wurden die Neo-Nibelungen zum Fernsehereignis. Bevor am 29. September das ZDF die Aufführung in einer TV-Nachbearbeitung zeigt, konnte man jetzt schon auf 3sat quasi-live dabei sein. Während nämlich die Premiere ablief, erlebte der Fernsehzuschauer zeitgleich die Aufzeichnung der Generalprobe vom Vortag.  <BR>Dazwischen geschaltet war Esther Schweins als Moderatorin, die mit Interviews und Filmbeiträgen informierte. Etwa über die Vereinnahmung des Nibelungen-Stoffs und -Orts Worms durch die Nazi-Propaganda. Schon deswegen, aber auch um Freilicht- sowie TV-Bedingungen zu erfüllen, war klar, dass man keine intellektuell schwergewichtigen, womöglich ideologiebefrachteten Recken auf die Dom-Wiese stellen würde. Moritz Rinke (1967 geboren) hält sich für sein Stück ziemlich genau an die Handlung des Epos`, erweist ihm mit den mittelhochdeutschen Versen eine kleine Reverenz und zitiert sogar im kurzen Vorspiel mit der Waberlohe um Brünhild die Edda und Wagners "Ring". </P><P><BR>Rinke versucht nicht wie Friedrich Hebbel, psychologische Schürfarbeit zu leisten - und entspricht damit eher der Vorlage aus der Zeit um 1200. Andererseits sind seine Ritter und Damen absolut keine höfischen Idealfiguren. Ob Siegfried, der Holländer aus Xanten, ob die Burgunder zu Worms, ob der Hunne Etzel - sie alle plappern locker daher; sind eher ein Überdruss-Völkchen aus der Spaßgesellschaft - aber irgendwann hört die Gaudi auf, und das Gemetzel hebt an. 1200 oder 2002 - der Firnis der Zivilisation ist dünn. </P><P><BR>Um die nötige Aufmerksamkeit für die Festspiele zu bekommen, hat man nicht nur als Regisseur den Fernseh-Inszenator Dieter Wedel engagiert, sondern auch klingende Namen wie Mario Adorf und Maria Schrader. Soweit das am Bildschirm zu beurteilen ist, kam Wedel seiner Aufgabe unaufdringlich nach. Er musste sowohl für die Nahsicht (TV-Kamera) als auch für die Fernsicht (Publikum vor dem Dom) arbeiten. Allerdings war er zu ängstlich, Rinkes neuen Einfall umzusetzen: die Söhne Kriemhilds und Brünhilds, Gunther und Siegfried, als Berichterstatter aus der Zukunft. </P><P><BR>Dass bei der Generalprobe das Timing für den oft boulevardesken Schlagabtausch noch nicht stimmte, darf man hingegen niemandem vorwerfen. Wedel führte auch als Theaterregisseur auf der ohne Protz und Pomp auskommenden Bühne von Gerd Friedrich die Personen recht gut - bis auf Judith Rosmair, die als übermenschlich starkes Mythos-Mädchen und als tief beleidigte Gunther-Gattin Brünhild beinahe ein Totalausfall ist. Götz Schubert präsentierte einen kernigen Siegfried ohne den üblichen Tumben-Tor-Touch. Mario Adorf war als Hagen besonnener Politiker; als gnadenloser Vollstrecker (Mord an Siegfried, an Etzels Kind) blieb er blass. Susanne Tremper als Mutter Ute flirrte herrlich ironisch. </P><P><BR>Am differenziertesten und aufregendsten spielten Maria Schrader und Wolfgang Pregler. Ein weichlicher, Nero-hafter König Gunther, für den Siegfried alles tut, der ihn aber dennoch oder deswegen umbringen lässt. Schraders Kriemhild (in den schicken Klamotten von Nikola Hoeltz) ist erst trotziges Girlie und Salon-Revolutionärin, dann angenervte Frau des gar nicht mehr so fetzigen Siegfried. Erst als seine Rächerin hat sie ihre Lebensaufgabe gefunden: Die Schauspielerin illustriert das mit einem Flackern zwischen "vernünftiger" Tatkraft und apathischer Obsession. </P><P><BR>Trotz Maria Schraders Anstrengung gelingt es der Inszenierung jedoch nicht, den Untergang der Burgunder überzeugend darzustellen. Kriegsvideos ersetzen kein Schauspiel. <BR></P>

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