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Eine fabulöse Entdeckung: Sandra Hüller als Komödiantin (re., mit dem Musiker Michael Oesterhelt und Hans Kremer).

Erst Vergnügen – dann Katastrophe

München - Johan Simons inszenierte an den Kammerspielen die Jelinek-Uraufführung „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“. Die Premierenkriti.

Hausherr Johan Simons hatte es sich erbeten: Elfriede Jelineks jüngstes Stück, „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ (drei Stunden inklusive Pause). Am Samstagabend wurde es im Schauspielhaus uraufgeführt. Die Nobelpreisträgerin sähe es als Geschenk an die Münchner Kammerspiele zu deren Hundertstem, deswegen – warum? – dürfe es nicht zum Vorab-Lesen herausgegeben werden, verlautete aus dem Theater. Und auch zur Premiere selbst gab es keinen Text. Was sich Simons, der selbst Regie führte, aus den „129 Seiten Textfläche“ (so Dramaturg Matthias Günter) herauspflückte und was nicht, ist also nicht zu beurteilen. Die Maximilianstraße und Mode sollten im Mittelpunkt stehen.

Simons hat sich damit abgedroschene Themen ausgesucht. Die Dichterin bedient diese Abgedroschenheit mit einer satten Ladung Klischees (Konsumrausch, Jung-/Schön-sein-Wollen, unsichere Identität) unterläuft sie zugleich mit Sprachblödsinn aller Art und ein paar härteren Motiven wie der Verödung der Straße, dem Überwachungsstaat oder dem Unwillen der Stadt München, sich mit ihrer NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Damit ist Jelinek jedoch nicht auf dem Stand der Zeit. Überwacht wird man heutzutage von Facebook und Google, und die „Hauptstadt mit Herz“ stellt sich mittlerweile der „Hauptstadt der Bewegung“.

Simons’ Bühnenbildnerin Eva Veronica Born möbelt das Projekt – „leicht, aber nicht seicht“, laut Jelinek – gewaltig auf. Ins Zuschauerparkett ist die Bühne wie ein Floß geschoben, ein Teil des Publikums sitzt nun auf der eigentlichen Bühne. Bestückt ist dieses Floß mit einer Art Schaufenster-Vitrine für die klangpräsenten, aber nicht klangaufdringlichen Musiker und die Schauspieler sowie mit vielen Säcken voller Eisstückchen, die zu Vorstellungsbeginn auf der schwarzen Fläche verteilt werden. Der Sinn erschließt sich nicht – es schaut halt einfach gut aus. Von unten herauf durch eine Schachttreppe stöckeln nun Stephan Bissmeier, nur in Strumpfhose und Pelzjäckchen, sowie Hans Kremer, nur in formendem Panzerhöschen und mit Täschchen. Auch die anderen Herren – Steven Scharf im Goldfummel, die „Zwillinge“ Maximilian Simonischek und Marc Benjamin in roten Babydolls zu Stachelbeer-Haxn – machen zunächst auf androgyn und befeuern die gute, alte Charleys-Tante-Komik. Da sind die angeblich so avantgardistischen Kammerspiele ganz altmodisch klamaukversessen.

Dass das bis zur Pause ein eminent vergnüglicher und gar nicht blöder Abend ist, verdankten die lachlustigen Zuschauer dem aphorismusfreudigen Text („Sie Autorin stehen für nichts mehr.“ – „Glauben Sie, das steht Ihnen, fragt der Körper.“ – „Mode ist Vergleichen und dann Nachmachen.“) und den erwähnten brillant und nobel, manchmal herzergreifend agierenden Herren-Damen samt der Dame-Dame Sandra Hüller. Danach störte Simons selbst seine Inszenierung mit einer grauenhaft ausgewalzten, schlecht gespielten Rudolph-Moshammer-Episode (Benny Claessens) zwischen Morddetails und der Hommage, dass ohne Mosi die Straße tot sei.

Kurzum: Wer in die Aufführung gehen will, sollte sie unbedingt in der Pause verlassen. Dann ist ein wunderbarer Schauspieler-Abend garantiert. Mit feinsinnigen Komödianten und einer fabulösen Entdeckung: der Erzkomödiantin Sandra Hüller. Sie gibt ihren Part so hinreißend, dass man sich mit ihr ohne weiteres auch die Straßenverkehrsordnung als Lustspiel vorstellen kann.

Nächste Aufführungen

am 29. Oktober sowie am 3., 18. und 25. November; Telefon 089/ 233 966 00.

Von Simone Dattenberger

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