„Erstaunlich, dass noch keiner drauf kam“

München - Willy Bogner spricht im Interview über sein 5D-Kino, interaktive Filme und die Frage, warum er Kameras auf ein Brotzeit-Brett geschraubt hat.

Dieser Mann vibriert vor Ideen und Energie: Beim Gespräch in seinem Münchner Büro hält es Willy Bogner, Jahrgang 1942, kaum auf dem Stuhl. Der Ex-Sportler ist im besten Sinne Film-verrückt - und das nicht erst, seit er 1969 bei dem James-Bond-Film „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ als Ski-Kameramann arbeitete. Jetzt will Bogner das Kino in die fünfte Dimension katapultieren. Den Prototypen seines 5D-Kinos hat er heuer auf der Sportmesse Ispo erstmals präsentiert.

-Herr Bogner, unseren Alltag erleben wir dreidimensional...

Nö.

-Nein?

Nöö. Wir sind beweglich, wir können uns 360 Grad um die eigene Achse drehen.

-Sie planen deshalb ein Kino, das Filme möglichst so zeigt wie die Zuschauer ihren Alltag erleben?

Ja. Bislang sehen wir im Kino doch immer nur kleine Ausschnitte. Wenn wir selbst aber unterwegs sind, zum Beispiel in der Natur, dann kriegen wir doch alles mit, was um uns herum geschieht. Mein Ziel war immer, das Gefühl, das man selbst hat, wenn man in der Natur Sport treibt, anderen Leuten zu vermitteln. Dazu brauche ich natürlich ein Medium, das möglichst echt die eigene Wahrnehmung wiedergibt. Da Digitalkameras immer kleiner werden, ergeben sich jetzt ganz neue Möglichkeiten. Die haben wir ganz frech ausprobiert. (Lacht.) Wenn unser System ausgereift ist, bietet es für Regisseure viel Neues.

-Zum Beispiel?

Es knallt hinter uns, das ist ein Zeichen von Gefahr: Durch den Raumklang kann man das akustisch in den Kinos bereits erlebbar machen. Bislang fehlte aber das Bild. Im Alltag würden wir uns umdrehen, um zu schauen, was es mit diesem Knall auf sich hat. Bei einer 360-Grad-Leinwand kann man das auch im Kino machen.

-Und der Zuschauer steht während der Vorstellung, um sich jederzeit drehen zu können?

Ja. Es gibt aber auch einige Barhocker, die drehbar sind.

-Jeder Zuschauer sieht also einen anderen Film?

Ja. Und kein Zuschauer kann in einer Vorstellung alles sehen - man wird immer das Gefühl haben, etwas versäumt zu haben.

-Bei Ihren bisherigen 5D-Drehs spielte ein Helm eine wichtige Rolle, den Sie rundherum mit zehn Kameras bestückt haben.

Diese Kameras bilden lückenlos den Horizont ab, sodass wir hinterher nahtlos ein 360-Grad-Bild zeigen können. Das bietet sehr überraschende Ausblicke.

-Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zehn Kameras an einen Helm zu schrauben?

Ich habe mich vergangenes Jahr während eines Flugs mit dem Gleitschirm selbst gefilmt. Mit einer handlichen, kleinen Kamera habe ich qualitativ hochwertige Bilder bekommen. Ich habe mir dann ein Brotzeit-Brettl gekauft und da zunächst mal vier Kameras draufmontiert, um zu sehen, ob auch das funktioniert. Erste Tests habe ich beim Skifahren gemacht. Die Qualität der Bilder und die Überlappung hat gestimmt. Aufgetreten ist ein neues Problem: Wenn man auf der Leinwand einen 360-Grad-Blick hat, muss man schauen, dass man selbst und das Team nicht zufällig ins Bild gerät - trägt man die Kameras mit einem Helm auf dem Kopf, ist zumindest der Kameramann nicht zu sehen. (Lacht.)

-Wie bringen Sie den fertigen 3D-Film auf eine 360-Grad-Leinwand?

Mit vierzehn Projektoren von der Decke. Vorher wird am Computer dafür gesorgt, dass die Übergänge zwischen den Bildern nahtlos sind. Es ist wirklich erstaunlich, dass noch niemand vor uns auf diese Idee kam.

-Diese Rundum-Projektion ist ideal für Filme mit Bewegung, Sportdokus etwa. Glauben Sie, dass Ihre Technik auch für Spielfilm-Regisseure interessant sein könnte?

Natürlich. Das gibt jedem Regisseur neue Möglichkeiten. Stellen Sie sich vor, auf der Leinwand fliegt der Korken einer Champagner-Flasche in Richtung Publikum: In einem 3D-Kino sieht das bereits sehr lebensecht aus. Im 5D-Kino können Sie dann noch ein Fenster im Rücken des Publikums zu Bruch gehen lassen - und die Zuschauer können sich umdrehen, um zu sehen, welches es erwischt hat. Überlegen Sie mal, was ein Regisseur wie Hitchcock mit dieser Technik und der Tatsache, dass der Zuschauer mitten im Geschehen ist, alles angefangen hätte. Wie der uns in seinen Filmen erschreckt hätte! 3D bietet bereits unglaubliche Möglichkeiten - damit ist das Bild dem Ton nachgekommen, denn Surround-Sound gab es ja bereits. Bei 5D ist der Zuschauer Teil der Geschichte, er sitzt nicht passiv in seinem Sessel, sondern kann interaktiv eingebunden werden. Man könnte etwa während der Vorstellung einen Schauspieler im Publikum platzieren, der dann während des Films Dinge auf den Weg bringt.

-Um 5D-Filme zeigen zu können, brauchen Sie spezielle Kinos...

Ja, und die müssen erst gebaut werden. Wir sind momentan an einem Punkt wie zu Beginn der Kinogeschichte, als die Schausteller mit ihren Projektoren über die Jahrmärkte gefahren sind. Wir planen aktuell ein kleines, portables 5D-Kino, das wir dann an verschiedenen Orten aufstellen können.

-Zum Beispiel wo?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir nutzen die Technik als Event für Messen. Oder wir installieren ein festes Kino - etwa in Wolfsburg, in München in der BMW-Welt oder im Deutschen Museum oder in Las Vegas, wo immer wieder Trends in der Unterhaltungsbranche gesetzt wurden. Der nächste Schritt wäre, einige solcher Theater zu haben, um die Technik weiter zu perfektionieren, und um zu beweisen, dass 5D-Filme ihr Publikum finden.

-Verhandeln Sie bereits konkret?

Ja, aber diese Gespräche sind vertraulich. (Lacht.) Das ist keine ganz günstige Angelegenheit, aber eine große Chance. Deshalb müssen wir Partner finden, die für Innovationen offen sind.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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