Erste deutsche EuroLandArt - Die Altmark als Kunst-Landschaft

- Stendal - Überdimensionale Milchtüten am Straßenrand, ein Amphitheater aus Strohballen und ein sprechender Wald - eine der in diesem Sommer heißesten Regionen Deutschlands, die Altmark im Norden von Sachsen-Anhalt, hat sich über Nacht in eine Kunst-Landschaft verwandelt.

Sieben Orte in der landwirtschaftlich geprägten Region von der doppelten Größe des Saarlands sind zur Galerie geworden. Künstler aus Deutschland und Europa zeigen drei Monate lang ihr Schaffen, sich durch Wind und Wetter verändernde Werke, die immer mehr selbst zur Landschaft werden. Vorbild war die französische Region Centre südlich von Paris, wo im vergangenen Jahr mehr als 20 000 Besucher zum ersten EuroLandArt-Festival pilgerten.

Vor seiner Skulptur nimmt sich der Hamburger Künstler Joachim Jacob aus wie ein Winzling. Umrahmt von Kühen in den niedrigen Gewässern der Elbauen, wirkt das aus hunderten Strohballen zusammengesetzte Amphitheater wie eine Trutzburg. Die möglichen Blickrichtungen von den Rängen erzählen die Geschichte des Landstrichs: Auf der einen Seite die weite Flussebene in Richtung Osten, auf der anderen die Silhouette der mittelalterlichen Grenzstadt Arneburg, die die Region früher gegen die Slawen verteidigte.

Auch bei Rudolf Brandes aus Berlin, der sich wenige Kilometer weiter in einem Wäldchen bei Steinfeld künstlerisch niedergelassen hat, entstanden Objekt und Objektsinn direkt aus natürlichen Zutaten. "Das Sein spricht" heißt der philosophisch tiefgründige Satz, der sich dem Betrachter in blauen, auf Baumstämme gemalten Buchstaben- Schablonen erschließt, mitten in einer mystischen Umgebung von Hünengräbern, Geister- und Hexengeschichten. Den Franzosen Xavier de Richemont hat ebenfalls ein Mythos inspiriert: Auf dem Arendsee, dem tiefsten Gewässer der Region, lässt er mit künstlichen Leuchtmitteln eine 700 Quadratmeter große Lotosblume wachsen.

Andere Künstler setzen sich eher ironisch mit der Landschaft auseinander. In Anspielung auf die schwierige Lage der Landwirtschaft bevölkert Kirsten Kaiser (Münster) brachliegende Felder mit Milchspendern. Allerdings sind es keine Kühe, die dort stehen, sondern übermannshohe dreieckige Milchtüten, gebrauchsfertig mit einem bunten Strohhalm ausgestattet.

Mehr im ökologisch-politischen Sinn interpretieren junge Künstler der Fachhochschule Magdeburg-Stendal die Kunstrichtung Land Art. "Schlaraffenland" will den Spaziergänger auf die Verfügbarkeit und Verschwendung von Nahrungsmitteln aufmerksam machen. Präsentiert wird ein angeschnittener riesiger Brotlaib über einem Maisfeld, nicht weit entfernt brutzelt auf einer Wiese ein mehrere Quadratmeter großes Spiegelei in der prallen Sonne. Das ebenfalls von Studenten gefertigte "Dreistöckige Haus mit Hundehütte" warnt vor den Abwanderungstendenzen in der von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Region: Verfall, Ödnis und Perspektivlosigkeit strahlt die zur Ruine verkommene Behausung aus, die wie viele Dorfhäuser von ihren früheren Bewohnern schon lange verlassen wurde.

Die Organisation der Land Art Exposition war schwierig, und ihre Akzeptanz wird sich nach Auffassung der Künstler und Organisatoren nur in kleinen Schritten vollziehen. Von Misstrauen bis Ablehnung reichen die Reaktionen der Landbevölkerung, die mit Veranstaltungen an die bis Oktober ausgestellten Werke herangeführt werden sollen. Der Hamburger Joachim Jacob: "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht." Häppchenweise vielleicht doch, hofft Kirsten Kaiser und plädiert mit ihrer Milchstraße für "Fast Art, nicht Fast Food" - Landschaftskunst als Kunst auf Zeit.

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