Favorit für einen Bären: JC Chandors Film „Margin Call“ mit Kevin Spacey in der Hauptrolle spielt zur Zeit des US-Finanzcrashs im Jahr 2008. Am Samstag werden auf der Berlinale der goldene und die silbernen Bären verliehen. Foto: reuters

Erste Favouriten auf der Berlinale

Berlin - Af der Berlinale ist die Halbzeit angebrochen: Im Wettbewerb sind erste Favoriten auszumachen. Doch alles hängt von der Gunst der Jury ab, die am Samstag ihre Preise verleiht.

Am Anfang stirbt der Hund. Kevin Spacey, altgedienter Banker in JC Chandors klugem „Margin Call“ treibt die Trauer um sein totes Haustier die Tränen in die Augen. Am Ende des Films, nachdem sich in dieser Aufarbeitung des Finanzcrashs des Jahres 2008 Milliardenvermögen binnen 24 Stunden aufgelöst haben, nachdem die Banker erfolgreich um ihr Überleben gekämpft haben, nachdem unendlich viele Menschen „da draußen“ ruiniert wurden, wird er den Hund begraben. Nachts, im Garten seiner Ex-Frau. Denn „ich wusste nicht, wohin mit ihm. Hier war er doch zuhause.“ Und das ganze Leid dieses längst gebrochenen Investmentprofis schwingt mit.

Chandors mit Demi Moore und Jeremy Irons eindrucksvoll besetztes Regiedebüt gehört zweifellos zu den bisherigen Bären-Favoriten dieser Filmfestspiele. Das liegt womöglich daran, dass der Regisseur, selbst Sohn eines Investmentbankers, genau weiß, wovon er erzählt. Im Gegensatz zu Oliver Stones „Wall Street“ bemüht er sich gar nicht darum, seine Figuren sympathisch erscheinen zu lassen. Trotzdem ist es absolut spannend, ihnen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, ihren Hals zu retten.

Paula Markovitch, die junge Regisseurin des argentinischen Wettbewerbbeitrags „Il Premio“, weiß ebenfalls genau, wovon sie in ihrem berührenden, autobiografischen Kindheitsdrama erzählt. Anfangs kommt die Geschichte arg gedehnt daher, entwickelt aber bald mächtig Spannung. Denn die von der kleinen Paula Galinelli Hertzog unfassbar intensiv gespielte Cecilia und ihre Mutter (Laura Agorreca) umgibt eine düstere Wolke: Erst langsam wird klar, dass sich die beiden in dem gammeligen Strandhaus, in dem sie leben, verstecken. Vom Vater haben sie lange nichts gehört. Das Kind weiß nur, dass es nicht die Wahrheit sagen darf: „Mein Vater arbeitet in Buenos Aires und meine Mutter ist Haushälterin“, leiert sie immer wieder vor sich hin und kann sich anschließend vor Lachen kaum halten. Ihre Tragödie hat Markovitch vollkommen der Gedanken- und Gefühlswelt des Mädchens angepasst.

Im Gegensatz zu dieser gewaltfreien Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur geht es in der Shakespeare-Adaption „Coriolanus“ von Ralph Fiennes dem Stück gemäß zur Sache. Fiennes hat mit dem Originaltext gearbeitet und dennoch das Drama in die Gegenwart geholt. Trotz des allgegenwärtigen Kampfes ist dem Regisseur ein subtiles Drama gelungen, das viel über unsere Gegenwart und über die Krisenherde aussagt, die uns täglich in den „Tagesthemen“ begegnen.

Ein weiterer aussichtsreicher Beitrag des Berlinale-Wettbewerbs befasst sich mit Situationen, die den meisten von uns nur aus dem Fernsehen vertraut sein dürften: In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler dreht sich alles um den in Kamerun arbeitenden Arzt Ebbo (Pierre Bokma) und seinen aus Paris eingeflogenen Kollegen Alex (Jean-Christoph Folly), der das von Ebbo geleitete Entwicklungshilfeprojekt zur Eindämmung der Schlafkrankheit überprüfen soll. Köhler, dessen Eltern selbst als Ärzte in Kamerun gearbeitet haben, taucht tief ein in die fremde Welt und erzählt von Gutmenschen, denen ihre Träume allmählich zum Verhängnis werden.

Dieser Regisseur weiß übrigens aus nächster Nähe, wie ein Silberner Bär aussieht: Schließlich wurde vor zwei Jahren seine Lebensgefährtin Maren Ade für „Alle anderen“ in Berlin ausgezeichnet. Ein zweiter Bär würde sicherlich gut daneben ins Regal passen. Verdient wäre er.

von Ulrike Frick

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