„Das Wegwollen ist ein Thema, das mich schon Jahre begleitet“Valerie Pachner

Porträt zur Premiere  

Erstmal angekommen

München - Valerie Pachner spielt im Münchner Residenztheater die Irina in Anton Tschechows „Drei Schwestern“.

Mit ihr kann man bestimmt gut Armdrücken. Und gleichzeitig Gedichte lesen. Ihr Körper ist mädchenhaft zart, das Lächeln auf ihrem Gesicht fast kindlich – doch wenn sie lacht, dann klingt das laut und derb wie bei einer Barbesitzerin. Amazone. Wenn ein Wort für sie passt, dann wohl dieses.

Und überhaupt: Valerie Pachner ist ziemlich cool. Mit ihren feuerroten Locken auf dem Kopf und der offenen Art. Kein Wunder also, dass das Münchner Residenztheater die junge Frau gleich nach dem Vorsprechen haben wollte. Und sie? Griff zum Hörer, sagte dem Burgtheater ab, an dem sie ebenfalls vorgesprochen hatte. Entschied sich für München, ohne das Wiener Ergebnis abzuwarten.

Dürfen wir Bayern uns geschmeichelt fühlen – war’s aus Liebe für das Haus am Max-Joseph-Platz? Nicht nur. Weg! Weg! Nicht „nach Moskau, nach Moskau!“ wie in Tschechows „Drei Schwestern“, sondern wohin auch immer. In diesem Falle: München. „Ich wollte mal weg aus Wien“, gesteht die 27-Jährige und schaut gespielt gequält. Die gebürtige Österreicherin, die ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar absolviert hat, kennt das Gefühl des Verschwinden-Wollens – und ist deshalb wohl die Idealbesetzung für Irina, die jüngste der Schwestern bei Tschechow. Am Mittwoch feiert dessen Drama in der Inszenierung von Tina Lanik Premiere. Und Pachner ist mächtig aufgeregt. „Mich gibt’s so kurz vor der ersten Vorstellung nur noch als Beobachterin der Irina und als Instandhalterin dieses Körpers“, sagt sie und deutet auf sich selbst. Wobei ein bisschen Irina schon immer in ihr steckte.

„Ja, es ist in der Tat so, dass ich selbst sehr überrascht bin, wie nahe sie mir ist. Vor allem, was das Wegwollen betrifft. Das ist ein Thema, das mich schon Jahre begleitet.“ Pachner schaut für einen kurzen Moment raus aus dem Fenster des Cafés im Glockenbachviertel, in dem sie gerade sitzt. Lange an einem Ort zu sein, das ist nicht ihrs. In der 60 000-Einwohner-Stadt Wels in Oberösterreich geboren, trieb sie immer der Wunsch, rauszukommen. „Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, war so ein bisschen kulturelles Brachland. Deshalb verstehe ich Irinas Wunsch schon sehr, diese Sehnsucht, in die Stadt zu gehen – oder zumindest irgendwo anders hinzugehen, wo es mehr Angebote gibt“, betont sie. Die junge Valerie flüchtete sich einst ins Schreiben und ins Schauspielen. Einerseits das Schreiben: „eine kleine Flucht in meinem Zimmer, Texte, Gedichte, Kurzgeschichten“. Dann das Theater: „Das war auch eine örtliche Flucht, ein tatsächliches Wegfahren, weil ich für das Theaterspielen in die größeren Städte, nach Graz, nach Linz fahren musste“, erzählt sie.

Also Flucht. Weg. Doch wohin? Gab es für sie immer ein konkretes Ziel – oder nur dieses vage Gefühl, woanders hinzuwollen. Ort egal? „Ja, tatsächlich war das so. Nach der Schule bin ich nach Honduras für ein Freiwilliges Soziales Jahr gegangen. Ich wusste: Ich muss weg, und zwar weit weg“, erinnert sie sich.

Fast wäre sie dort geblieben. „Ich war 18 und traf viele Leute, die seit Jahren reisen. Das war für mich das ultimative Lebensgefühl damals. Ich dachte: Dann ist man so frei, warum nicht?“ Diese Sehnsucht, sie trägt sie noch immer in sich. Erkannte aber schon damals, dass das nicht die Lösung sein kann. Denn: „Als ewig Reisender entziehst du dich“, sagt sie, schaut wieder nachdenklich zum Fenster. „Deiner Umgebung, deinen Beziehungen, ein Stück weit dir selbst.“

Anders als Irina will sie sich nicht in Fantasien und Träume, Möglichkeiten in der Zukunft und Erinnerungen aus der Vergangenheit flüchten. „Irina stellt sich dem, was wirklich ist, nicht. Sie ist nicht hier und übersieht dadurch wichtige Dinge“, kritisiert Pachner die Frau, die ihr dann doch nicht ganz so nah ist. Denn anders als Irina hat sie erkannt: „Am Ende ist es nicht der Ort, den du wechseln musst, sondern du bist es selbst, die sich verändern muss. Diese Erkenntnis ist natürlich schmerzhaft. Flucht ist immer einfacher.“

Und doch gefällt ihr Irina. Weil sie am Ende wirklich gehen möchte. „Sie ist Idealistin, will Veränderung, will sich bewegen – und das find’ ich gut. Ich find’ Bewegung gut“, sagt sie. Das ist deutlich geworden. „Ja? Gut!“, ruft sie. Und lacht ihr Barbesitzerinnen-Lachen.

Katja Kraft

Premiere

ist am Mittwoch,19.30 Uhr, im Residenztheater; Telefon 089/ 2185-1940.

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