Erwachen, erobern, ermatten

- Lulu. Fällt ihr Name, ist der Mythos nicht fern. Die verderbende Verführerin, die reine Triebhaftigkeit, kurz: die Schlange. Noch immer drängen sich die einschlägigen Bilder dem unschuldig klingenden Namen auf. Obwohl die Debatte über die Rückständigkeit dieser Bilder längst passé ist. Wer oder was aber ist Lulu? Nelli, Eva, Mignon, Katja, wie sie je nach aktuellem Ehemann in Frank Wedekinds "Die Büchse der Pandora" auch heißt, ist vor allem eine bizarre Ansammlung männlicher Projektionen. Die mehr aussagt über die Hirne, die sie erzeugen, als über die Fläche, auf der sie sichtbar werden.

<P>Auch das eine Deutung, die altertümelt und nicht rechtfertigen kann, dass man Wedekinds Skandalstück, das in seiner Urfassung zwischen 1892 und 1894 entstand, heute spielt. Christian Stückl, der jetzt im Münchner Volkstheater diese erste und freizügigste "Lulu"-Fassung inszenierte, ging hinter diese ganze Interpretationsgeschichte zurück. Bis an den Punkt, der auch den Lebemann Wedekind motiviert haben dürfte: Die so genannte Monstretragödie ist Spiegel einer scheinheiligen, im Kern unmoralischen Gesellschaft und damit zugleich deren Provokation.</P><P>Und Lulu? Stückl gibt eine bestechend einfache und einleuchtende Antwort. Brigitte Hobmeier spielt ein armes Mädchen, das sich ein schönes Leben wünscht und die Gunst der Stunde zu nutzen weiß. Das seine Freiheit - sein einziges Gut mit verlässlichem Wert - zur Not bis aufs Blut verteidigt. Und den Glauben an alle anderen Werte nie gehabt oder verloren hat. Sie ist auch keine Fremde hier bei uns, tingelt durch Dschungelshows und die Betten von Entscheidungsträgern, ist nicht einmal dumm oder unsympathisch. Und sie könnte ebenso gut ein Mann sein.</P><P>Aber Stückl hat "Lulu" gerade nicht zwangsmodernisiert. Hat nicht riskiert, dass aktuelle und vergangene Gesellschaftsstrukturen auseinander klaffen und das Stück der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Kein grelles Spektakel, sondern spektakuläre Feinstarbeit. Stückl hat aus den grotesken Figuren der Monstretragödie heutige Charaktere geformt, lauter kleine Monster. Ob sie Ateliers, Salons, Vergnügungstempel oder Dachkammern bevölkern.</P><P>Zentral ist auf der Bühne ein roh gezimmertes Bretterpodest, auf dem Lulu anfangs dem Maler Modell steht. Ausstatterin Marlene Poley verwandelt es in ein Ehebett, ein Luxusmöbel, ein Festbankett und zurück in einen armseligen Bretterverschlag. Ist in den Atelierszenen die Bühne nach hinten durch eine Art Leinwand begrenzt und der Salon später durch raumhohe Edeleinbauschränke, zeigt im letzten Akt die nackte Bühnenwand der Prostituierten Lulu ihr rohes Gesicht. In welcher Zeit diese Figuren zu Hause sind? Ihre Kostüme lassen vieles zu: ein wenig Jahrhundertwende, goldene Zwanziger und Cabaret, an den Ellbogen abgescheuerte, wild gemusterte Bohème, zeitloses Bürgertum und - mit Dessous zu hohen Stiefeln - auch ein bisschen MTV.</P><P>Brigitte Hobmeier als Krönung der Aufführung</P><P>Wie genau Stückl die Sprache nach ihrem, auch doppeldeutigen, Gehalt abgeklopft hat, präsentiert gleich der erste Akt - mit seinem messerscharfen Schlagabtausch eine kleine Komödie für sich. Der clowneske Maler von Markus Brandl grummelt und glüht vor lauter Begierde und Arbeitsblockade. Ein auch später äußerst facettenreicher Alexander Duda lässt seinen Dr. Schöning charmieren und dozieren. Thomas Kylau spielt einen wie aufgezogen herumhüpfenden und so klebrigen Dr. Goll, dass nicht nur Lulu davon schlecht wird. Und Nicholas Reinke, mit Tendenz, ihn nicht ganz ernst zu nehmen, einen versponnen Alwa.</P><P>Dass bis zu diesem Punkt noch kaum die Rede war von Lulu, von Brigitte Hobmeier, hat einen Grund: Sie ist die Krönung dieser Inszenierung, verantwortlich zu machen für die allermeisten der sehr schönen Momente, vor denen die Aufführung nur so strotzt. Hobmeier, ein Porzellanpüppchen, das von einem auf den anderen Augenblick ganz lüsternes Fleisch werden kann, spielt eine Entwicklung dieser Lulu. Ein Erwachen, Erstarken, Erobern. Und Ermatten. Anfangs steht sie noch als neckischer Lampion verpackt - eigentlich als Pierrot - dem Maler still. Probiert mit mädchenhaftem Zirpen, das jederzeit in eine bedrohliche Tonart umschlagen kann, ihre Reize aus. Später ist sie nicht mehr niedliches Tierchen, sondern die Dompteuse. Peitscht auf dem Tisch posierend mit fast zauberischen Worten die angeekelte Geschwitz und den rüden Rodrigo aufeinander los.</P><P>Hobmeier vollführt mit Grazie eine Schwindel erregende Balance: nicht zwischen Gut und Böse, Schuld oder Unschuld, wie es ihre Figur nahelegt. Sondern, noch schwieriger, zwischen unbedingter Freiheit und reflexartiger Notwehr. Die Frage ist: Wie viel muss sie den anderen antun, um ohne Einschränkung sie selbst bleiben zu können? In jedem Beben, sich Spreizen und Liebkosen ihres Körpers erinnert Hobmeier an diese fatale Prämisse Lulus. Eine Rolle, in der Brigitte Hobmeier, die das Volkstheater leider verlässt, noch einmal so richtig ihr großes Können zum Glänzen bringen konnte.</P><P>Die Handlung<BR>Lulu ist Dr. Schönings Ziehkind und Geliebte. Ihr Ehemann Dr. Goll stirbt an einem Schlaganfall, als er sie in flagranti mit dem Maler Schwarz ertappt. Schwarz, nächster Ehemann, tötet sich selbst, als er von Lulus Verhältnis mit Dr. Schöning erfährt. Lulu zwingt ihn, sie zu heiraten, und erschießt ihn, als er auf ihre vielen Liebhaber eifersüchtig wird. Mit seinem Sohn Alwa flieht sie nach Paris und schließlich London. Völlig mittellos trifft sie dort als Prostituierte auf ihren Mörder Jack.</P><P>Die Besetzung<BR>Regie: Christian Stückl. Ausstattung: Marlene Poley. Darsteller: Rudolf Waldemar Brem (Schigolch), Brigitte Hobmeier (Lulu), Thomas Kylau (Dr. Goll/ Puntschuh), Alexander Duda (Dr. Schöning), Nicholas Reinke (Alwa Schöning), Markus Brandl (Schwarz), Ursula Burkhart (Gräfin von Geschwitz), Tobias van Dieken (Rodrigo Quast), Karsten Dahlem (Casti-Piani) sowie Monika Manz, Christina Jung, Calvin E. Burke, Benjamin Mährlein, Fabian Preger.</P>

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