Erwachtes Dornröschen

- Die Münchner Pinakothek der Moderne, die sich jetzt schon mit dem viel gesichtigen New Yorker Museum of Modern Art vergleicht, wird am 16. September feierlich eröffnet. Die Staatsgalerie moderner Kunst, das Design-Museum die Neue Sammlung, das Architekturmuseum und die Staatliche Graphische Sammlung können in dem Neubau von Stephan Braunfels endlich zeigen, welch gewaltiges Potenzial in ihnen schlummert. Die Vorbereitungen in dem riesigen Haus laufen zurzeit auf Hochtouren. Technik und Licht wird erprobt, Handwerker bessern Fehlstellen aus, Kuratoren schleppen Kunst. Auch der Direktor der Graphischen Sammlung, Michael Semff, ist dabei, der Auftakt-Ausstellung den letzten Schliff zu geben.

<P></P><P>Sie hängen dieser Tage "Ihre" Werke. Welchen Schwerpunkt setzen Sie?<BR>Semff : Wir haben das Vestibül und ein Atrium. Mit unseren zwölf Wandvitrinen können wir immer präsent sein. Zur Eröffnung werden wir die gesamte Graphische Sammlung vorstellen, denn wir besitzen nicht nur Moderne. Die Wurzeln unseres Hauses und der Ruhm, den es weltweit genießt, liegen im Bestand an Alten Meistern. Wir werden also mit zwölf Spitzenwerken - El Greco, Raffael, Rubens . . . - die Schau einleiten. Das geht bis Marées und van Gogh als Übergang zur Moderne. Ein größeres Kompartiment ist Kunst seit den 60er-Jahren. Natürlich gibt es auch Highlights der Klassischen Moderne, etwa Klee, Macke et cetera. Wir wollen das Erstklassige zeigen. Ich will eine Rauminstrumentierung, die bewirkt, dass sich die Blätter gegenseitig beflügeln, keine Didaktik. Allerdings geht's mir mit den neuen Räumen noch so wie einem Regisseur, der zum ersten Mal eine fremde Bühne bespielen muss. <BR><BR>Wie viele Arbeiten können Sie vorstellen?<BR>Semff : Circa 100 Exponate sind bis Weihnachten zu sehen. Fürs Frühjahr planen wir, zu seinem Hundertsten, eine Aquarell-Schau von Antonio Calderara. Darauf folgt Terry Winters, ein amerikanischer Künstler, der mir sehr wichtig ist. Schließlich werden wir großformatige Zeichnungen von Richard Artschwager präsentieren.<BR><BR>Werden Sie auch altmeisterliche mit modernen Künstlern konfrontieren?<BR>Semff : Wir müssen sehen, wie das die Menschen anspricht. Ich bin überzeugt: Das kann man machen. Zum 16. September wird auch ein Bildhandbuch der Graphischen Sammlung mit 560 Farbabbildungen in Faksimile-Qualität und mit 800 Seiten erscheinen: mit all unseren Werken vom Ein-Blatt-Holzschnitt bis zu Bildern von 2002. In diesen historischen Ablauf habe ich, wie bei einem Teppich, immer wieder Wegstrecken mit Kunst des 20. Jahrhunderts hineingeschossen. Der Hintergedanke ist natürlich, dass ich auch bei Ausstellungen eine fruchtbare Konfrontation ausprobieren will.<BR><BR>Wenn Sie auf den langen Weg zur Pinakothek der Moderne zurückblicken: Was war das Wichtigste, was war das Schwerste?<BR>Semff : Entscheidend war, dass wir von Anfang an, also schon beim Wettbewerb für den Bau, mitberücksichtigt wurden und dass wir einen eigenen Trakt bekommen. Die größte Zitterpartie mussten wir im Sommer 2000 durchstehen, als die Diskussion um die Sammlung Brandhorst losging. Da war es plötzlich fraglich, ob die Graphische Sammlung in den zweiten Bauabschnitt einziehen können würde. Auf lange Sicht erwies sich das Brandhorst-Museum (es wird an der Türkenstraße gebaut, Anm. d. Red.) jedoch als Vehikel für uns: Wir kommen jetzt zu dem, was wir uns immer erträumt haben. Mit Brandhorst ist außerdem eine bemerkenswerte Zusammenarbeit möglich. Zum Beispiel, wenn seine Twomblys zu sehen sind und wir eine Twombly-Schau bieten, dann ist München eine erste Adresse für diesen Künstler.<BR><BR>Wie steht es mit dem zweiten Bauabschnitt?<BR>Semff : Unmittelbar nach Baubeginn des Brandhorst-Museums ist unser Teilstück an der Türkenstraße dran. Wir bekommen 2800 Quadratmeter für unsere Forschungseinrichtung "Corpus der italienischen Zeichnungen", Büros, alle Werkstätten, für das Fotolabor und die Restauratoren.<BR><BR>Wird es in der Pinakothek der Moderne eine intensivere Zusammenarbeit mit den anderen drei Museen geben, oder pocht man mehr auf die Eigenständigkeit?<BR>Semff : So offen die Räume von Braunfels für einen gegenseitigen Austausch sind, so gut sind sie auch für jeden einzelnen. Unsere Gattung bleibt das Papier. Es kann jetzt nicht darum gehen, dass man bei jeder Ausstellung nach einer Vernetzung fragt. Wir vier haben uns entschlossen, zur Eröffnung jeweils aus unseren Beständen eine Schau zu bestreiten. Es gibt keine Groß-Präsentation, keine Leihgaben. Aber für die Zukunft könnte ich mir ein gemeinsames Projekt zum Beispiel über Futurismen vorstellen: Ob Architektur, ob Design, bildende Kunst sowieso - da gäbe es in jedem Bereich etwas zu zeigen. <BR><BR>Besteht die Gefahr, dass die Graphik von den anderen Formen an den Rand gedrängt wird?<BR>Semff : Wir behaupten uns, da habe nicht den Deut eines Zweifels. Trotz aller neuen Medien, neuen Entwicklungen - nichts wird der Zeichnung und Graphik den Rang streitig machen. Die Pinakothek der Moderne gibt uns die Chance, neues Publikum zu gewinnen, denn wir haben nun ein anderes Forum. Wir definieren uns ganz klar als autonomes Haus, schließlich sind wir unter den vier die älteste Sammlung. Trotz unserer Ausstellungen in der Alten und Neuen Pinakothek waren wir ein Museum im Verborgenen. Jetzt erwachen wir aus dem Dornröschenschlaf. Sicher, Graphik-Leute sind so, dass sie stolz auf ihre Kupferstiche schauen und zugleich gern ganz für sich bleiben. Aber wir leben aus Ausstellungen heraus. Preisgeben werden wir uns allerdings nicht. Wir machen uns nicht billig.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P>

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