Ich erwarte stets das Schlimmste

- "München ist mir schon die vertrauteste Stadt." Was allein durch die Uraufführungen an der Bayerischen Staatsoper belegt wird: "Lear" 1978, "Troades" 1986, "Bernarda Albas Haus" 2000 - mit allen drei Werken feierte Aribert Reimann große Erfolge. Und dies, was ja ungewöhnlich ist, bei Experten und beim Publikum. Vor allem der "Lear", seinerzeit für Dietrich Fischer-Dieskau geschrieben, erlebte international insgesamt 19 Produktionen.

Reimann, der an diesem Samstag in München seinen 70. Geburtstag feiert, ist ein Komponist, der serielle Experimente ablehnte, mit seiner aufregenden, komplexen und kantablen Musiksprache einen eigenen, nicht minder avantgardistischen Weg ging. Er stammt aus Berlin und begann seine Karriere als Liedbegleiter. Die Münchner Musikhochschule feiert ihn am Wochenende mit einer "Reimann-Nacht".

Empfinden Sie Genugtuung denen gegenüber, die Sie immer kritisierten, die eine andere, angeblich progressivere Ästhetik bevorzugen?

Aribert Reimann: Überhaupt nicht. So was kenne ich gar nicht. Ich kann mich ja immer nur für das entscheiden, was ich für richtig halte. Und wenn mir meine Vorliebe für das, was andere Literaturoper nennen, vorgehalten wird: Oper ohne Dichtung und nur mit Vokalisen funktioniert eben nicht. Ich brauche auch immer einen Gesamthandlungsstrang.

Und ein klassisches Orchester, das Sie teilweise verfremden, das aber ohne Elektronik auskommt.

Reimann: Elektronik war mir immer zu direkt, auch wenn mich als Zuhörer Werke von Stockhausen sehr beeindruckt haben. Ich als Komponist habe aber ein Problem mit dem synthetischen Klang.

Wie hat man sich Ihre Kompositionsarbeit vorzustellen? Erst frühstücken, dann schreiben und meist ein freier Nachmittag wie bei Richard Strauss?

Reimann: Oh nein. Ich bin nie ein Morgenmensch gewesen, außer in meiner Schul- und Hochschulzeit. Es geht immer erst mittags bis in den Abend hinein - es sei denn, es herrscht ein besonderer Termindruck. Oder es kommt der Punkt während einer Komposition, an dem man nicht mehr am Stück arbeitet, sondern das Werk einen beherrscht.

Wie ist das erstmalige Hören der Komposition? Erschrickt man womöglich?

Reimann: Ja, vor allem bei Orchesterwerken und bei der Oper. Was aber mit akustischen Gegebenheiten zu tun haben kann. Ich habe auch manches auf der Bühne gesehen, da wäre ich beim Komponieren nie drauf gekommen. Allerdings hatte ich immer großes Glück. Als mir etwa Jörg Widmann erstmals das ihm gewidmete "Cantus" auf der Klarinette vorspielte, hatte ich das Gefühl, er habe das schon immer gespielt. Ebenso ging's mir bei Stücken für Dietrich Fischer-Dieskau.

Wolfgang Rihm sagt, je älter er werde, desto weißer werde das Notenpapier vor Beginn einer Komposition. Auch bei Ihnen?

Reimann: Er hat insofern Recht, als sich eine Art von "Naivität" verflüchtigt. Neulich schrieb ich ein kurzes Stück für Streichquartett, und bei jeder Note habe ich mir zehnmal überlegt, ob ich sie hinschreibe. Man wird sich selbst gegenüber kritischer, die Detailarbeit wird noch präziser.

Und man kann immer schwerer loslassen.

Reimann: Genau. Wenn man drin ist, verfolgt einen das Stück Tag und Nacht. Man tritt förmlich aus sich heraus. Aber wenn die Stücke fertig sind, dann sind sie abgeschlossen. Eine Revision, wie das andere machen, das kann ich nicht. Sich in Altes neu hineinbegeben, hat ja etwas Rückläufiges.

Wie planmäßig gehen Sie vor? Wollen Sie in jedem Stück etwas gezielt neu ausprobieren?

Reimann: Nein. Dennoch ist jedes Werk eine neue Aufgabe. Und jedes Mal denke ich mir vor Beginn wieder: Du hast noch nie im Leben eine Note komponiert. Jedes Mal muss man seine Sprache wiederfinden. Ich habe auch Angst vor dem ersten Tag. Bei der "Bernarda" war das so. Diesen Tag schiebe ich so lange vor mir her, bis ich's nicht mehr aushalte und mir sage: Jetzt spring' rein ins kalte Wasser.

War Ihnen eigentlich klar, dass der "Lear" ein solcher Erfolg wird?

Reimann: Gar nicht. Bei der Premiere, kurz bevor ich auf die Bühne musste, dachte ich mir: Jetzt wirst du ausgebuht. Und dann das! Ich erwarte mir stets das Schlimmste - und bin damit immer gut gefahren.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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