„Weg von hier“ heißt das neue Progamm von Frank-Markus Barwasser, der seine Kunstfigur Erwin Pelzig nach einer Auszeit wieder ins Gefecht schickt.

Premiere im ausverkauften Lustspielhaus

Erwin Pelzig ist wieder da! Und er ist kein bisschen altersmilde

Pelzig dampft. Zum einen, weil es tropisch heiß ist im ausverkauften Lustspielhaus. Zum anderen, weil es nicht zum Aushalten ist, dieses Deutschland. Eine Kritik zum Bühnenprogramm. 

Deutschland, ein Schwellenland, in dem die finale Apokalypse sekündlich bevorsteht. Also nicht wirklich, aber eben gefühlt ist die vierterfolgreichste Volkswirtschaft der Welt mit einer stabilen Demokratie und funktionierenden Verwaltung offenbar nicht mehr zu ertragen für ihre Bürger. „Weg von hier“ heißt deswegen das neue Progamm von Frank-Markus Barwasser, der seine Kunstfigur Erwin Pelzig nach einer Auszeit wieder ins Gefecht schickt. Der 57-Jährige ist inzwischen keineswegs altersmilde geworden. Eher im Gegenteil redet sich der Mann regelrecht in Rage, weil er nicht versteht, was da gerade vor sich geht bei Leuten, die ernsthaft wieder behaupten, die Erde sei ein Scheibe oder dergleichen Unfug mehr. Weil: Fakten sind nicht mehr so wichtig. Man hat halt eine Meinung und keine Ahnung mehr, das geht auch. Vielleicht auch schon egal, weil der Mensch als solcher ein Vollidiot ist, zum Aussterben verdammt. 

In irrwitzigem Tempo schleift Pelzig den Saal durch den Wahnsinn, den wir Alltag nennen. Man folgt, weil Pelzig sich nicht erhebt oder moralisierend doziert. Er ist ratlos und fasst das wunderbar in Worte. Er hat keine Antworten, aber immerhin stellt er die richtigen Fragen

Wieso man beispielsweise subventionierte Tomaten billig nach Afrika exportiert und sich dann wundert, wenn der arbeitslose afrikanische Tomatenpflücker dann zu uns kommt, um hier zu jobben. Pelzig trägt keine Gags vor, sondern hängt ernsthaft und stringent seinen Gedanken nach. Wir lachen darüber, aber wirklich lustig ist das oft gar nicht, sondern eher erschütternd, weil Pelzig sehr oft sehr richtig liegt. Zum Schluss seine schönste Pointe: Heimat sei da, wo man herkomme, wo einen jeder kenne und hinterherrufe: Hau bloß ab!

Unsere besten Kultur-Geschichten posten wir auch auf der Facebook-Seite „Kultur aus München und der Welt - festgehalten vom Münchner Merkur“.

Lesen Sie auch: 6 Gründe, warum Frank-Markus Barwasser lieber in München als in Berlin lebt.

Z. Gojic

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, …
Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Am Dienstag speilte Kris Kristofferson im nicht ganz ausverkauften Circus-Krone. Statt vieler Ansagen gab es ein ambitioniertes Pensum an Songs. Trotzdem fehlte dem …
Kris Kristofferson im Circus Krone: Country und Folk im Punkrockformat
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
158 Produktionen aus 43 Ländern sind beim Münchner Filmfest vom 28. Juni bis 7. Juli zu sehen – der Vorverkauf hat begonnen.
Weltkino mit rabenschwarzem Humor
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.