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Nach kreativer Pause und Geburt seines Sohnes kehrt Frank-Markus Barwasser auf die Bühne zurück.

Interview mit Frank Markus Barwasser

Erwin Pelzig ist zurück

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„Weg von hier“ ist der Titel seines neuen Soloprogramms. Nach zwei Jahren kreativer Pause schickt Kabarettist Frank-Markus Barwasser sein Alter Ego Erwin Pelzig wieder auf Deutschlands Bühnen. Wir trafen den 57-Jährigen vorab zum Gespräch.

München – Erwin Pelzig ist wieder da! Am Donnerstag feiert der Kabarettist Frank-Markus Barwasser im Lustspielhaus München-Premiere und macht sich mit Hüdli, Karohemd und Herrenhandtasche Gedanken zum Thema Flucht. Er selbst sei kein „fliehender Mensch“, behauptet Barwasser – auch wenn er vor zwei Jahren München und dem Satire-Talk „Pelzig hält sich“ (ZDF) den Rücken gekehrt hat.

An Fronleichnam stehen Sie erstmals mit Ihrem neuen Soloprogramm im Münchner Lustspielhaus auf der Bühne. Worum geht’s?

Frank-Markus Barwasser: Es geht letztendlich um viele Arten der Flucht, also nicht nur um die Flucht der Menschen aus Kriegsgebieten. Es geht auch um unsere Fluchten. In gefühlte Wirklichkeiten zum Beispiel. In Esoterik oder Verschwörungstheorien. Das birgt viel komisches Potenzial, wenn der Mensch der Realität entkommen oder sie zurechtbiegen will.

Was hat Sie inspiriert?

Frank-Markus Barwasser: Sehr inspirierend fand ich die Parabel von Franz Kafka, „Der Aufbruch“, die ich mal wieder gelesen hatte. Da reitet einer los, und sein Diener fragt: „Wo geht es hin?“ Und der Herr sagt: „Weg von hier.“ Da meint sein Diener: „Sie haben also gar kein Ziel?“ Und der Herr erwidert, dass er das doch eben genannt habe: weg von hier. Das beschreibt ganz gut das Lebensgefühl, das ich hierzulande oft beobachte. Man möchte weg von hier, kann aber kein konkretes Ziel benennen.

Wann und wovor waren Sie zuletzt auf der Flucht?

Frank-Markus Barwasser: Ich bin kein fliehender Mensch. Wenn ich eine Flucht antrete, dann vor allem die vor meinem unaufgeräumten Schreibtisch. Sonst ist das ja in meinem Berufsbild enthalten, dass ich mich der Realität konsequent stellen muss. Ich bin zwar aus München weggegangen, aber das war keine Flucht.

Mittlerweile leben Sie in Mainz und haben seit Ihrem Abschied vom Fernsehen ein gutes Jahr lang pausiert. Eine kreative Auszeit?

Frank-Markus Barwasser: Es war eine sehr kreative Pause, weil ich in der Zeit erstmals Vater geworden bin. Ich wollte für meinen Sohn Zeit haben. Das hat meine Entscheidung, die Sendung „Pelzig hält sich“ aufzugeben, durchaus beeinflusst. Ich spürte, dass jetzt der Moment ist, um einige Prioritäten neu zu setzen.

Ihr neues Programm ist also zwischen Windelnwechseln und schlaflosen Nächten entstanden?

Frank-Markus Barwasser: Och, wir haben fast immer gut geschlafen. Er hat’s uns leicht gemacht. So ein halbes Jahr nach der Geburt habe ich dann mit dem Schreiben des neuen Bühnenprogramms angefangen.

Hat sich die Arbeit durchs Vatersein verändert?

Frank-Markus Barwasser: Nicht in der Auswahl der Themen. Aber es ist durchaus eine veränderte Art des Schreibens. Ich tauche ja sehr tief in die Themen ein, recherchiere und lese mich fest, um dann leider immer wieder feststellen zu müssen, dass bei vielen Problemen wenig Anlass zum Optimismus besteht. Oder wie der Dramatiker Heiner Müller sagte: „Optimismus ist nichts anderes als ein Mangel an Information.“ Da kann es einem bei der Vorbereitung eines Kabarettprogramms schon vergehen. Und dann steige ich das Stockwerk runter, sehe meinen Sohn im Stuhl sitzen, und der verpflichtet mich dann doch wieder zu einer Art von Zuversicht.

Also hat sich die Perspektive verändert?

Frank-Markus Barwasser: Ich hatte auch vorher nicht die Haltung „Nach mir die Sintflut“. Aber tatsächlich, in manchen Fragen wirst du empfindsamer, weicher. Und den Ego-Trip kannst du dir auch abschminken.

Sie sind spät Vater geworden. Ist das ein Vorteil?

Frank-Markus Barwasser: In mancher Hinsicht schon. Ich bringe eine gewisse Grundentspannung mit.

Ist Erwin Pelzig denn mit Ihnen Papa geworden?

Frank-Markus Barwasser: Nee, der bleibt ein einsamer Wolf. Die Herausforderung bei ihm besteht darin, immer wieder auszuloten, was du so einer Figur zutrauen kannst an Gedanken und Einsichten. Da gehe ich ständig an Grenzen. Aber mein Eindruck ist, dass das Publikum auch damit rechnet – bei mir und bei Pelzig.

Schön wäre sein Comeback im Fernsehen. Gerade im Wahljahr könnten wir einen Erwin Pelzig gebrauchen, der Politikern auf seine unverwechselbare Art auf den Zahn fühlt.

Frank-Markus Barwasser: Ich bin mit dem ZDF immer wieder in gutem Kontakt. Aber im Augenblick gibt es noch keine konkreten Pläne. Wenn ich wieder Fernsehen mache, sollte es ein journalistisches, aufklärerisches Format sein.

Erwiesenermaßen informieren sich immer mehr Menschen in kabarettistischen Formaten übers Tagesgeschehen. Ist der Kabarettist am Ende der bessere Welterklärer?

Frank-Markus Barwasser: Nein, ist er nicht. Aber er hat den Vorteil, dass er Inhalte in entspannterer und unterhaltenderer Form präsentieren kann als ein klassisches Politik-Magazin. Letztendlich nehmen Kabarettisten ihre Informationen ja auch nur aus den öffentlich zugänglichen Quellen und Medien. Nur interpretieren sie diese oft anders als die „Tagesthemen“. Davon abgesehen war es schon immer ein Anliegen des Kabaretts, nicht nur zu unterhalten, sondern auch aufzuklären. Vielleicht ist es diese Mischung aus Haltung und Unterhaltung, die manchen Leuten das Gefühl gibt, etwas zu finden, was sie sonst zunehmend vermissen.

Mit „Weg von hier“ steht Ihnen eine umfangreiche Tournee quer durch Deutschland bevor. Lieben Sie das Tourneeleben?

Frank-Markus Barwasser: Ja, sehr. Ich reise gern, und jeder Abend ist ein Unikat. Da bin ich der Chef im Ring, der immer noch etwas anpassen oder ändern kann. Die Bühne ist einfach großartig, und mein Tourneeplan ist so human gestrickt, dass ich auch noch genügend Zeit für die Familie habe.

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