Erwürgte Puppe

- Klar und deutlich, geometrisch und wohlstrukturiert - so präsentiert sich der Kunstverein Rosenheim in der Städtischen Galerie ganz im Sinne des modernen Zeitgeists. Für Verspieltes ist hier kein Platz - allerdings aber für ganz herbe Kritik. Neben den vielen glatten Arbeiten zur Farb- und Raumtheorie stehen die nachdenklichen Zeitgenossen im Vordergrund. Adidal Abou-Chamat wagt den Blick zurück auf den Rassismus von 1938. Er verpasst seinen Modellen einen "Neger-" oder "Hottentottenmund": Fotos, die endgültig alle Vorurteile entblößen.

<P>Morde und Unglücke (in kurzen Texte als Untertitel) illustriert Via Lewandowski mit erwürgten Puppen und erstochenen Stofftieren. Unser Alltag der Skandale - bei Heidemarie Hauser wird daraus eine schrill übermalte Fotoserie "trister Orte". <BR><BR>Aus dem globalen Spiel von Wirtschaft und Gewalt gibt es kein Entkommen, wie Thomas Kroiher in einem hintergründigen "Dollar Mobile" zu verstehen gibt. Noch krasser nimmt Gabriele Klages mit der wohl auffälligsten Arbeit dieses Thema auf: "Import", bestehend aus dem Mohren-Logo der Moro-Blutorangen, unterminiert plakativ den Kreislauf von Stereotypen.</P><P> Darum geht es auch bei Annette Bastian, allerdings führt sie ihre Logos auf Plexiglas ad absurdum. Lucia Dellefant bringt die kritischen Tendenzen der Ausstellung auf den Punkt: Ein akkurater Schriftzug "konservativ" auf Hellblau und ein violettes "normal" auf Rot prangert die Einstellung der Saubermänner der Kunst und Moral mit deren eigenen Waffen an. Und Samuel Rachl - gewohnt frech - lädt zwar zum Sitzen ein, lässt aber seine Linienköpfe die Zunge rausstrecken und hintenüber fallen. <BR><BR>Die weitere Welt der Installationen und Skulpturen in Rosenheim reicht von glatter, glänzender, roboterartiger Stelenästhetik (Ute Lechner) bis zu der subtilen Fleißarbeit von Uwe Jonas, der einen Turm aus Eisenstäben und Marmorblättchen fragil, monumental und jederzeit zerstörbar konstruiert hat.</P><P> Angelika Summas geschweißte, verflochtene Drahtkugel ist eines der wenigen spielerischen Objekte, die differenzierte "Raumzeichnung" aus blauem Stahl von Inge Regnat-Ulner vermittelt zwischen den Disziplinen. Rudolf Wachter schließlich schafft als Altmeister der Holzskulptur den Übergang zur ebenfalls etablierten Symbolfigur für Farbwälle, Peter Casagrande.<BR><BR>Aus dem Bilderreigen sticht vor allem Peter Pohl mit seinem giftgrünen, erstaunlich plastischem Insekt hervor. Für die zurückhaltenden Radierer sei Reinhard Fritz erwähnt, der mit Überschlägen und leiterhaften Ausstiegen die poetische Vielschichtigkeit des Bildes thematisiert. </P><P>Packende Akte (Charlotte Dietrich), symbolträchtige Monotypien von Köpfen und Kreuzen (Walter Raum) und das Video Make-Up (Silke Witzsch) werfen einen direkten, klaren, zwischen Schönheit und Entstellung schwankenden Blick auf den Menschen, der ansprechender als die vielen optischen Effekte der Geometriekünstler ist. Und so hinterfragt Rose Stach mit ihrer nahezu sakralen Deckenhülle, fotografiert vor einem Treppenaufgang, Wallfahrtsorte - auch die der modernen Kunst.<BR><BR>Bis 15. September, Tel. 08031/361447. Katalog 10 Euro. <BR></P>

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