Geh und erzähle der Welt

- Die Lust der Deutschen auf Selbstdarstellung scheint grenzenlos. Ein Gang durch die Hallen der Frankfurter Buchmesse macht das besonders augenfällig. Und der Messe-Beobachter fragt sich: Wer will das alles wissen? Zum Beispiel wie Martin Semmelrogge zwischen Trinkerknast und TV-Kamera sein Leben lebt?

Oder wie Karl Dall über Jahrzehnte hinweg erfolgreich seine Blödeleien vermarktet? Oder woran sich Henry Maske, der schnell noch vor dem nächsten K.o. ein Buch geschrieben hat, aus seiner DDR-Kindheit erinnert? Ob Elisabeth Noelle-Neumann, Werner Schneyder, Günter Grass oder der jüngst verstorbene Joachim Fest -sie alle und noch viel mehr wollen uns teilhaben lassen an ihrem Selbst; freilich auf sehr unterschiedlichem Niveau.

In der Fülle dieses Angebots sticht heraus, was Sabine Kuegler zu sagen hat. Die junge Frau (34) hatte mit "Das Dschungelkind" vor wenigen Jahren ihre Kindheit und Jugend in West-Papua beschrieben. Jetzt liegt ein zweites Buch vor: "Der Ruf des Dschungels" (Droemer Verlag). Fünfzehn Jahre, nachdem sie ihn verlassen hat, um in Deutschland ihren Schulabschluss zu machen, zu studieren, zu heiraten und vier Kinder zu kriegen, ist sie als Besucherin zurückgekehrt an den Ort ihrer Kindheit, nach Papua, zum Stamm der Fayu. "Geh’ und erzähle der Welt, was hier passiert."

Diesen Satz hat Sabine Kuegler mit nach Europa gebracht -als Botschaft der ihren. Jener Erwachsenen, die Kinder waren, als auch sie ein Kind war, der Spielkameraden von damals, der Freunde aus dem Dschungel. Kuegler: "Ich bin hingereist, um alle wiederzusehen. Aber auch, um mich zu fragen: Bin ich deutsch, oder bin ich papuanisch? Und ich habe gespürt: Das dort ist meine Heimat. Ich habe aber ebenso gespürt: Irgendetwas stimmt nicht mehr." Die Globalisierung bedrohe vor allem West-Papua, das Land, das die größten Goldreserven der Erde birgt. Schon lebten in der Hauptstadt kaum noch Papuaner.

Stattdessen Finanzhaie und Spekulanten, hauptsächlich aus Taiwan. Ihr Griff nach dem Dschungel sei kaum abzuwenden. Kuegler: "Wenn aber das passiert, haben die Menschen keine Chance zu überleben." Doch wer dagegen kämpft, lege sich mit "sehr mächtigen Mächten" an. Es sei heute bereits lebensgefährlich, als Journalist nach Papua zu kommen. Sabine Kuegler alterlerdings weiß: Sie wird immer wieder in ihre Heimat zurückkehren; das nächste Mal "direkt ins Herz der Freiheitsbewegung".

 "Ich will mir später einmal nicht vorwerfen, ich habe nichts für meine Volk getan." Etwas tun, das will auch die deutsche Organisation der Arbeiterpartei Iran. Mit Handzetteln protestiert sie gegen die Teilnahme des Irans an der Frankfurter Bücherschau: "Es ist entsetzlich zu sehen, dass diese Feinde der Werte der Menschheit sich hier als Repräsentanten der iranischen Kultur und Literatur ausgeben." Ein Protest, der draußen vor der Tür stattfindet, während iranische Staatsverlage in den Hallen repräsentieren. Messechef Jürgen Boos: Kein Verlag werde ausgeschlossen, es sei denn, er verstoße gegen die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland.

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