Ich bin Erzähler, ich kann nicht anders

- Eigentlich wollte er Bühnenbildner werden. Nach einem Jahr an der Akademie der Bildenden Künste in München überlegte es sich Herbert Rosendorfer noch einmal anders. Schriftsteller wollte er werden und studierte Jura. Damit gehört Rosendorfer zu jenen deutschen Schriftstellern, die ihren Lebensunterhalt als Juristen verdient haben. E.T.A. Hoffmann, Eichendorff und Kafka sind Berufskollegen in doppelter Hinsicht. Spätestens jetzt würde Rosendorfer protestieren. Es wäre ihm unangenehm, in einem Atemzug mit den Großen der deutschen Literatur genannt zu werden.

<P>Warum so viele Juristen schreiben? Rosendorfer hat seine eigene Theorie: Es gibt zwei Gründe, einen äußeren und einen inneren. Der äußere Grund liegt in der Sache selbst: "Die Juristerei ist im Gegensatz zu jeder anderen Wissenschaft neutral, sie erfasst nicht den ganzen Menschen. Seele und Herz bleiben frei." Und so hat man "Raum für eine zweite Lebenspartnerin". Justitia trägt die berufliche Vielweiberei nicht nach, wer weiß, ob sie es überhaupt merkt, sind doch ihre Augen verbunden. Der zweite, der innere Grund, sei die aussichtslose Sehnsucht des Juristen nach wahrer Gerechtigkeit. Enttäuscht von der Realität, versuche er diese Sehnsucht in der Kunst zu stillen. Schreiben um der Gerechtigkeit, Schreiben um der Wahrheit willen. Der Jurist Rosendorfer hat dem Schriftsteller die Existenz ermöglicht. Der Schriftsteller Rosendorfer hat dem Juristen die Realität erträglich gemacht.</P><P>"Ich will die weltweite Dummheit bekämpfen."<BR>Herbert Rosendorfer</P><P>Bekannt wurde der Dichter mit seinem Erstlingsroman "Der Ruinenbaumeister" (1969), berühmt wurde er mit den "Briefen in die chinesische Vergangenheit" (1983). Die Beobachtungen des Chinesen Kaotai verkauften sich über eineinhalb Millionen Mal. Ein beachtlicher Erfolg für den oft als "Nebenerwerbsschriftsteller" kritisierten Beamten.</P><P>Rosendorfer ist außerordentlich produktiv. Romane, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher - an die vier Dutzend Bücher kann man kaufen. Sein Arbeitseifer wurde mit zahlreichen Preisen belohnt; 1999 erhielt er die höchste bayerische Auszeichnung für Literatur, den Jean-Paul-Preis. Der Jurist ist stolz auf den Künstler, und seit seiner Pensionierung hat er auch endlich Zeit, seinem alter ego dann und wann beim Schreiben über die Schulter zu blicken. Gelegenheit dazu hat er genug, denn ein Schriftsteller geht nicht in Pension. Ein neuer Roman ist bereits in Arbeit. Was es wird, wird nicht verraten: "Ich rede nicht gerne über Entstehendes, nicht einmal mein Verleger weiß, was sich da zusammenbraut."</P><P>Allzu lange wird man ohnehin nicht warten müssen, bis das neue Werk druckreif ist; das Schreiben geht Rosendorfer flüssig von der Hand: "Ich schreibe schnell, weil ich vorher viel nachdenke." Schreibblockaden und Wüstenlandschaften im Kopf kennt er nur aus Büchern. "Ich bin ein Erzähler, ich kann nicht anders", rechtfertigt er fast ein wenig beschämt sein robustes Künstlergemüt. Wenn er einmal gerade nicht schreibt, dann zeichnet er. Rosendorfer malt, was ihm in den Sinn kommt: "Ich kümmere mich nicht um Tendenzen, mir ist egal, was man zu meinen Bildern sagt." </P><P>Rosendorfer bezeichnet sich selbst als Realist. Er beobachte die Menschen und schreibe mit. Mehr nicht. Das Ergebnis: Erlogene Wahrheiten und unwirkliche Wirklichkeit. Das sei dann zwar schon meist lustig, aber zum Spaß habe er noch nie geschrieben: "Ich will die weltweite Dummheit bekämpfen." Ein edles aber aussichtsloses Ziel. Das weiß Rosendorfer. Deshalb macht er weiter. Morgen wird Herbert Rosendorfer 70 Jahre alt.</P>

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