Lebensgefahr! Heute nicht an Isar aufhalten - selbst wenn es nicht regnet

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Sie erzählt einen Roman

- "Partners" nennt sich geradezu Licht-unter-den-Schäffel-mäßig die Ausstellung im Haus der Kunst, die dieser Tage ihren letzten Schliff erhält. Ab 7. November ist die Schau zu erleben. Direktor Chris Dercon, der damit seinen echten Einstand gibt, kündigt an: "Das ist eigentlich ein Theaterstück - und die Besucher sind die Schauspieler." Inszeniert hat dieses Drama aus zeitgenössischer Kunst und einem Bau, den die Nazis einst ganz und gar gegen diese Kunst errichtet haben, Ydessa Hendeles.

<P>Ruf wie Donnerhall</P><P>Für die Öffentlichkeit mag sie noch ein Geheimtipp sein, in der Kunstszene erschauern bei ihrem Namen wohlig Künstler, Kuratoren und Museumschefs. Die Kanadierin hat als Sammlerin einen Ruf wie Donnerhall. "Gute, große Ausstellungen über Fotografie können sie ohne Hendeles nicht machen. Sie hat sehr früh sehr wichtige Fotokünstler wie Diane Arbus, Jeff Wall oder James Coleman gekauft", so Dercon.</P><P>Das hat sie für Galerien und Museen - und den Markt - zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten gemacht, aber auch für die Künstler. Einerseits "hat sie den Erfolg etwa von Bill Viola bestimmt", andererseits nimmt sie sich als Ausstellungsgestalterin sehr viel mehr Zeit für Konzept und Aufbau von Werken, als es sich sonst eine Institution leisten könnte. "Kein Museum hat die Zeit - und das Geld -, zehn Leute einen Monat lang auf eine Coleman-Arbeit anzusetzen. Ihre Installationen sind so gut, dass sie zu Parametern für die Museen wurden", schwärmt Dercon, der selbst nicht gerade wenige Expositionen entworfen hat. </P><P>"Sie geht sehr präzise vor - und will einfach das Beste für die Künstler." Das bedeutet zum Beispiel auch, dass "Partners" zum Schutz der Arbeiten nur sieben Stunden (täglich außer montags 10-17 Uhr) geöffnet sein wird - schon ein Zugeständnis der Kunst-Patrona.</P><P>Ydessa Hendeles wurde 1948 in Marburg geboren. Die Eltern hatten Auschwitz überlebt. Sie wanderten nach Kanada aus, wurden erfolgreiche Geschäftsleute. Die Tochter vertiefte sich in die Kunst und begann vor gut 20 Jahren, mit ihren Entdeckungen auch an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Ydessa Galerie in Toronto wurde zur ersten Adresse und machte viele einheimische Künstler international bekannt, etwa Jeff Wall, der bereits den Kunstpreis München erhalten hat, oder Jana Sterbak, der das Haus der Kunst unlängst eine Schau widmete. Später entstand die Ydessa Hendeles Art Foundation, die nicht nur die Sammlung betreut, die ja dauernd wächst, sondern auch Präsentationen aus den Beständen entwickelt. Dazu gehört Kunst im engeren Sinn, außerdem Spielzeug, Presse- und Privatfotos oder dokumentarische Aufnahmen. So durchforstete Hendeles für ihr "Teddybär"-Projekt mit Tausenden von Fotos alle erreichbaren Quellen.</P><P>"Wenn sie im Haus der Kunst erst durch 4000 glückliche und unglückliche Menschen mit ihren Bären gehen - und schließlich auf Maurizio Cattelans knienden Hitler treffen, wird ihnen klar, dass Hendeles eine Geschichte erzählt. Eine sehr persönliche über Leben, Verlust, Hoffnung, aber auch über Vernichtung", erklärt Chris Dercon. Das bedeutet, dass die Sammlerin, die zur Kuratorin wurde, längst auch die Grenze zur Künstlerin überschritten hat. "Und zur Theoretikerin", ergänzt der Haus-der-Kunst-Chef, die Kanadierin engagiere sich wissenschaftlich in Amsterdam.</P><P>Und wie bekommt man so eine bemerkenswerte Persönlichkeit nach München? "Dass sie das macht, ist ganz toll, denn auch das Museum of Modern Art in New York und die Londoner Tate waren hinter ihr her. Sie hat sich für das Haus der Kunst entschieden, aus historischen Gründen und weil wir ihr Flexibilität geben und alle Möglichkeiten, die wir haben; ihre Arbeitsweise würde einen Museumsbetrieb völlig ruinieren." Aber Vertrauen zur Leitung muss doch auch da sein? Etwas verschämt verweist Dercon auf die eigenen Aktivitäten in den 80ern, die auf die gleichen Künstler zielten wie Hendeles, "aber so viel Geld hatten wir natürlich nicht".</P><P>Darüber hinaus ist Hauptkurator Thomas Weski ein ausgewiesener Kenner von Fotografie. Und was fasziniert am meisten an Ydessa Hendeles? "Sie macht aus den Kunstwerken einen Roman. Durch die ungewohnten, interdisziplinären Kombinationen verschieben sich die Linien. Es ist einfach schön, dass unser Haus solch einen Rausch an Ideen möglich machen kann." <BR></P>

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