Erzählungen in Holz

- Die Tante war schuld. Sie schenkte Gerhart Bollert (1870-1947) und seiner Braut zur Hochzeit - Kunst. So wurde das Paar, das ohnehin aus kunstsinnigen Berliner Familien stammte, mit dem Sammel-Bazillus infiziert. In seiner Villa an der einstigen Berliner Straße (heute: Straße des 17. Juni) lebte der Justizrat samt seiner Familie inmitten von etwa 250 Kunstwerken. Von dieser Liebe zum Schönen und von der Energie der Nachkommen, all das zu erhalten, profitieren wir jetzt. Das Bayerische Nationalmuseum in München konnte die Sammlung mittelalterlicher Skulpturen, die letzte in privater Hand, erwerben. 92 Werkgruppen mit 125 Einzelstücken. Der größte Teil ist Schenkung. Der Staat zahlte für 16 Werke laut Kunstminister Thomas Goppel 400 000 Euro; Unterstützung kam von der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Stiftung, der Hirtl-Stiftung und der Rudolf August Oetker Stiftung.

<P>Renate Eikelmann, Chefin des Museums, die gerade ihren Vertrag verlängert hat, kann damit die einmalige Sammlung des Hauses an spätgotischer Plastik aus dem Alpenraum und Süddeutschland hochkarätig ergänzen. Seit den Nachkriegstagen ist bereits die Fußwaschung aus Riemenschneiders Münnerstädter Altar, eine wundervolle Preziose, im Nationalmuseum. Fünf Plastiken aus der Collection der Bollerts sind heute beim Tag der offenen Tür in der Staatskanzlei zu bestaunen, ab kommender Woche im Nationalmuseum selbst.<BR><BR>2005 feiert es sein 150-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wird dann der Bollert'sche Schatz in den ehemaligen Räumen der Neuen Sammlung (Prinzregenten-, Ecke Lerchenfeldstraße), die gerade renoviert werden, als Ganzes und auf Dauer gezeigt. Dieses repräsentative Ambiente (das Berlin nicht bieten konnte) sowie "die Beharrlichkeit und der Enthusiasmus von Renate Eikelmann", schmunzelt Elisabeth-Charlotte Bollert, habe "die schwierige Familie" bewogen, die Werke nach München zu geben. Beide Eigenschaften zeichnen aber auch sie selbst aus. Als Schwiegertochter von Gerhart Bollert rettete sie nach Jahren zähen Kampfes mit den DDR-Behörden fast 50 Arbeiten aus der Zwangsverwaltung. <BR><BR>Nun trennen sie und ihre Kinder sich im Guten von den Plastiken aus der Spätgotik, von jenen schönen, schaurigen, humorvollen oder besinnlichen Geschichten in Holz oder Stein: Da schmiegen sich inniglich die Hände von Johannes ineinander, nach innen gekehrt im Gebet das junge Gesicht des Evangelisten, der zu einer Beweinung Christi von Niklaus Weckmann gehört (Ulm, um 1510-1115). Richtige "Action" bietet dagegen der Heilige Georg (Niederrhein, um 1530), der gerade den Lindwurm angreift. Aufgeregt verfolgt das nicht nur die bedrohte Prinzessin, nach damaliger Mode feinstens gekleidet, sondern auch ihre Eltern auf den Burgzinnen.</P><P>Tel. 089/ 21 12 401.<BR><BR></P>

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