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Die Hoffnung Deutschlands: Der 21-jährige Roman Lob aus Neustadt (Wied) tritt mit der Startnummer 20 beim Eurovision Song Contest am Samstag an. Die ARD überträgt ab 20.15 Uhr den „Countdown“, ab 21 Uhr live aus Baku.

Das müssen Sie wissen: ESC von A bis Z 

München - Der Eurovision Song Contest in Stichworten von A bis Z: Was Sie wissen müssen, um am Samstagabend mitreden zu können

A wie Alijew, Ilcham – Der Präsident Aserbaidschans wurde 2003 als Nachfolger seines Vaters gewählt, ist de facto Anführer eines autoritären Regimes und eines Familienclans, der die Öl- und Gasmilliarden des Landes in die eigene Tasche steckt. Er sperrt politische Gegner ein, gilt als korrupt. Seine Frau Mehriban Alijew ist die Präsidentin des Eurovision-Komitees in Baku.

B wie Baku – Hauptstadt Aserbaidschans und bisher der östlichste Austragungsort für einen Eurovision Song Contest (ESC). Zwei der mehr als neun Millionen Aserbaidschaner leben hier. Bakus Altstadt gehört mit ihren mittelalterlichen Bauten seit 2000 zum Unesco-Weltkulturerbe, drum herum ist Baustelle. Die Öl- und Gasmilliarden wollen verbaut werden, so entstanden auch die 190 Meter hohen Flammentürme, die die Skyline dominieren.

C wie Crystal Hall – Schauplatz des 57. ESC. Die Arena wurde von deutschen Architekten entworfen und von einer deutschen Firma hochgezogen. Sie bietet 16 000 ESC-Fans Platz und steht auf dem Gelände einer ehemaligen Militärbasis, einer Landzunge direkt am Kaspischen Meer. Der Clou: 80 000 Leuchtdioden an der Außenfassade lassen die Halle in den Landesfarben der Teilnehmerländer erstrahlen.

D wie D., Thomas – Jury-Präsident von „Unser Star für Baku“. Gibt in Aserbaidschan den Stefan Raab und begleitet seinen Schützling Roman Lob. Machte sich keine Freunde, als er sich gegen eine Politisierung des Wettbewerbs aussprach, fiel ansonsten nicht weiter auf.

E wie Engelke, Anke – Punktefee aus Germany. Wird nach den Gesangsbeiträgen von der Reeperbahn zugeschaltet und darf verkünden, wer die „douze points“ aus Deutschland bekommt.

F wie Favoriten – Seit Jahren sagt der Internetriese Google voraus, wer gewinnen wird. Dafür zählt der Konzern die Suchanfragen in den Teilnehmerländern zusammen – 2009 und 2010 lag er richtig. Heuer hält sich Google zurück. Bei den Buchmachern steht die Schwedin Loreen hoch im Kurs. Vorne landen sollen auch Italien und Dänemark. Als Geheimfavorit gelten die „Buranowski Babuschki“, die Omas aus Russland.

G wie Gasimov, Eldar – Auf Briefmarken verewigter Nationalheld Aserbaidschans. Gewann mit Nigar Jamal als „Ell & Nikki“ den ESC 2011 in Düsseldorf und darf den in Baku präsentieren. An seiner Seite moderieren Nargiz Berk-Petersen und die Musikerin Leyla Aliyeva, die oft im aserbaidschanischen TV zu sehen ist.

H wie Humperdinck, Engelbert – Schlager-Veteran in Diensten Ihrer Majestät. Eröffnet den ESC für Großbritannien. Der 75-Jährige dürfte wohl hinter den russischen Omas von „Buranowski Babuschki“ landen, er selbst sieht das freilich anders: „Ich habe gute Chancen. Wie viele Künstler von Weltrang gibt es hier außer mir?“

I wie Iran – Wütender Nachbar. Die westliche Party-Stimmung in dem islamisch geprägten Aserbaidschan gefällt der Islamischen Republik Iran nicht. Am Montag zog Teheran seinen Botschafter ab. Offizieller Grund: Verletzung religiöser Gefühle.

J wie Jedward – Eineiige Kult-Zwillinge aus Irland. Gingen 2011 mit „Lipstick“ als singende Adventskerzen in die ESC-Geschichte ein, versuchen es nun mit dem Titel „Waterline“.

K wie Kosten – Nach Angaben der aserbaidschanischen Führung soll der ESC 50 Millionen Euro kosten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Das „East-West Research Centre“ in Baku schätzt die Gesamtausgaben – einschließlich neuer Straßen und einer Uferpromenade – auf eine halbe Milliarde Euro. Die Arena soll 200 Millionen Euro verschlungen haben.

L wie Lob, Roman – Der mit den Rehaugen. Setzte sich bei der TV-Show „Unser Star für Baku“ durch, geht von Startplatz 20 aus für Deutschland ins Rennen und will unter den ersten zehn landen. Wurde am 2. Juli 1990 in Düsseldorf geboren, wuchs in Neustadt (Wied) in Rheinland-Pfalz auf. Ist ein Kind der Generation Casting-Show (erste CD: „I Believe“ von BroSis), war 2007 Kandidat bei „Deutschland sucht den Superstar“. Mag snowboarden und Tattoos. Beantwortete die Frage „Mütze oder Käppi“? mit „Mütze“.

M wie Menschenrechte – Nicht so das Ding von Präsident Ilcham Alijew. Wer gegen sein Regime demonstriert, muss mit Strafen rechnen. Auch während der ESC-Woche hat die Polizei täglich Oppositionelle festgenommen. Organisationen wie Amnesty International nutzen die Bühne, um vom Präsidenten die Freilassung von politischen Gefangenen zu fordern.

N wie Norwegen – Land der Rekorde. Kein Land wurde so häufig letzter, nämlich zehn Mal. Und kein anderes hat so viele Punkte geholt bei einem Wettbewerb wie Alexander Rybak bei seinem Sieg 2009: 387. Am häufigsten gewann übrigens Irland: sieben Mal.

O wie Omas, russische – Ohne Zweifel die verrückteste ESC-Nummer seit Jahren. Für Russland treten sechs Großmütterchen aus einem Dorf in Udmurtien an. Mit ihrer Tracht sehen die „Buranowski Babuschki“ aus wie lebende Matroschkas, doch wer hier reine Folklore erwartet, liegt falsch. Zwar singen die Damen immer wieder in ihrer Mundart, doch im Refrain flöten sie „Party For Everybody“. Die „Babuschki“ (Großmütter) nehmen übrigens nur teil, weil sie eine Kirche in ihrem Dorf finanzieren wollen. Und einen Rekord gibt es auch zu vermelden: Oma Jelisaweta Sarbatova ist mit 86 die älteste Teilnehmerin.

P wie Pressefreiheit – Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) führt Aserbaidschan auf Platz 162 von 179 ihrer „Rangliste der Pressefreiheit“. In einem ROG-Bericht heißt es, Journalisten würden „geschlagen, entführt und zum ersten Mal seit fünf Jahren wurde in Aserbaidschan (2011) wieder ein Reporter ermordet“.

Q wie Quote – Der ESC war bis Mitte der Neunzigerjahre ein Publikumsmagnet. Beim Sieg von Nicole 1982 sahen 13,8 Millionen Menschen in Deutschland zu. Lena Meyer-Landrut toppte dies in Oslo mit 14,7 Millionen. Europaweit rechnet man heuer wieder mit 100 Millionen Zuschauern.

R wie Reeperbahn – Die Party-Meile der ARD. Vom Hamburger Spielbudenplatz startet das Erste traditionell den „Countdown“ um 20.15 Uhr. Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers moderiert. Sie begrüßt Udo Lindenberg, Jan Delay, Tim Bendzko sowie die Bands Mia und Unheilig. Um 0 Uhr startet die Party, mit Auftritten von Peter Maffay, Aura Dione und Tim Bendzko.

S wie Siegel, Ralph – Grand-Prix-Urgestein Nummer eins. Trat heuer für San Marino in Erscheinung. Sein für Valentina Monetta komponierter Titel sollte „Facebook Uh, Oh, Oh“ heißen, doch Werbung ist tabu. Also dichtete Siegel den Text um, nannte ihn „The Social Network Song (oh oh uh oh oh)“, was gesungen tatsächlich noch dämlicher klingt, als es sich liest. San Marino flog im ersten Halbfinale raus.

T wie Tickets – Kosteten laut Veranstalter 160 bis 240 Aserbaidschanische Manat, was 160 bis 240 Euro entspricht. Der Durchschnitts-Aserbaidschaner verdient 584 US-Dollar im Monat, also 465 Euro.

U wie Urban, Peter – Grand-Prix-Urgestein Nummer zwei. Versorgt ARD-Zuschauer seit 1997 mit blumigen Kommentaren während der Live-Übertragung. Fehlte nur 2009 krankheitsbedingt. Moderiert sonst... ja, was eigentlich?

V wie Voting – Beim 57. Song Contest gibt es eine Änderung: Die Leitungen für das (Tele-)Voting werden erst nach der Präsentation des letzten Liedes geöffnet. Die Zuschauer können also erst dann anrufen oder eine SMS senden, wenn Pasha Parfeny als 26. Teilnehmer für Moldawien gesungen hat.

W wie „Woki mit deim Popo“ – Österreichs Gaga-Beitrag. Unter dem Namen Trackshittaz wollten die Mundart-Rapper Lukas Plöchl und Manuel Hoffelner siegen. Aber im ersten Halbfinale wackelte keiner mit’m Popo, die Ösis flogen.

X wie XX – Symbol weiblicher Dominanz. Frauen haben 34 der bisherigen 56 Grand Prix seit 1956 gewonnen, Männer dagegen nur neun. Duos oder Musikgruppen gelang der Sprung an die Spitze 16 Mal.

Y wie Youtube – Neben dem Video-Blog von Stefan Niggemeier und Lukas Heinser (www.bakublog.tv) der beste Ort im Internet, um sich vorzubereiten. Wer in die Songs reinschnuppern möchte, sucht nach dem Nutzer „eurovision“. Unter dem Namen haben die Veranstalter Videos aller Teilnehmer ins Netz gestellt, also auch derer, die im Halbfinale rausgeflogen sind.

Z wie Zeitverschiebung – Der ESC findet heuer in der Nacht statt – zumindest für die Teilnehmer. Der Grund: In der Zeitzone, in der Baku liegt, geht die Uhr drei Stunden vor. Wenn Peter Urban also um 21 Uhr auf Sendung geht, ist es in Aserbaidschan schon Mitternacht. Der Wettbewerb findet streng genommen also gar nicht am 26., sondern am 27. Mai statt.

Von Thierry Backes

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