Estnische Invasion

- Schon früh sorgte der Papa dafür, dass der kleine Paavo sich ans Schlagzeug setzte. "Damals wusste ich nicht, warum, aber später wurde mir klar: Das Schlagzeug bietet einem Kind die früheste Chance, in ein Orchester zu schlüpfen und ein großes Repertoire kennen zu lernen. Für eine Geige oder ein Fagott muss man älter sein." So begann Paavo Järvi, der Sohn des estnischen Dirigenten Neeme Järvi, mit sechs Jahren seine Studien.

<P>Als junger Percussionist "trommelte" er in den verschiedensten Ensembles, vom Schul- bis zum Profi-Orchester und zur Rock-Band. Der Papa war ebenfalls am Schlagzeug gestartet _ "Simon Rattle auch!" _ und peilte für den Nachwuchs die Dirigentenlaufbahn an. Mit Erfolg, denn 1985, mit nur 23 Jahren, dirigierte Paavo sein erstes Konzert im norwegischen Trondheim.</P><P>Mittlerweile ist der heute 39-Jährige in aller Welt gefragt. Er stand an den Pulten der großen Londoner Orchester, der Tschechischen Philharmonie in Prag, des Israel Philharmonic, der Berliner Philharmoniker, dirigierte die Orchester von Philadelphia, Los Angeles und New York und ist seit einem Jahr Chef in Cincinnati. Mit dem heutigen Jugendkonzert, 19.30 Uhr im Gasteig, beginnt er seinen Zyklus mit den Münchner Philharmonikern (Freitag, 20 Uhr; Samstag, 19 Uhr). Auf dem Programm stehen Igor Strawinskys Scherzo à` la Russe, Tschaikowskys erstes Klavierkonzert mit Alexander Ghindin und Prokofjews Sinfonie Nr. 6.</P><P>Paavo Järvi gastiert schon zum vierten Mal bei den Philharmonikern. "Das erste Mal sprang ich ein für Günter Wand und dirigierte die Siebte von Bruckner." Nicht unbedingt ein Paradestück für einen jungen Dirigenten aus Estland. Doch Järvi wehrt sich entschieden gegen eine "vermeintliche Authentizität".</P><P>"Gute Sibelius-Dirigenten müssen nicht zwangsläufig aus dem hohen Norden kommen. Karajan, Beecham und Barbirolli waren große Sibelius-Interpreten. Ich finde solche Marketing-Zuordnungen nicht gesund. Auch eine Spezialisierung auf die Neue Musik ist Blödsinn. Man muss die Neue Musik doch in einem historischen Kontext begreifen. Alles andere führt ins Ghetto."</P><P>Zu Beginn musste sich auch Paavo Järvi über die nordische Schiene profilieren: "Es ist mir lieber, damit identifiziert zu werden als etwa mit Respighi", meint er lachend. Bevor Järvi sein eigenes Orchester übernahm, war er Erster Gastdirigent in Stockholm und bei Simon Rattles City of Birmingham Symphony Orchestra. Auch er bewundert den "einzigartigen" Kollegen. "Simons wacher Intellekt, sein Verständnis für die Tradition, das ergibt die richtige Symbiose, die ideale Kombination _ von Rameau bis zur Avantgarde."</P><P>An den gut bezahlten US-Orchestern schätzt Järvi vor allem den perfekten technischen Standard und die hohe Professionalität. "Natürlich haben sie nicht die Tradition europäischer Orchester. Aber es kommt darauf an, was ein Dirigent von ihnen verlangt und erwartet. Ihre Flexibilität ist ihre große Stärke." So freut sich Järvi, dass ihm Konzertbesucher in Cincinnati bestätigten, dass das Orchester schon nach einem Jahr einen anderen Klang bekommen hat.</P><P>"Das Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Symphony Orchestra ist die älteste Kultur-Institution der Stadt, übrigens der Partnerstadt Münchens in den USA", erzählt Järvi, der als Chef in der Nachfolge von Berühmtheiten wie Leopold Stokowsky und Fritz Reiner steht. Doch Paavo ist nicht der einzige Järvi in Amerika: Papa Neeme ist Chef des Detroit Symphony Orchestra, und Bruder Kristjan leitet das "Absolut Ensemble" (für Neue Musik) in New York _ "eine richtige Invasion", schmunzelt Paavo, dessen zweijähriger Neffe auch schon übt . . .</P><P>Wie es kommt, dass derzeit gerade Estland und Finnland den Musikmarkt mit Komponisten und Dirigenten beliefern? Paavo Järvi hat da seine Theorie: "Ich glaube, dass Jugendliche ein großes Vorbild, eine Lichtgestalt suchen, der sie nacheifern, die ihnen das Gefühl gibt, das kannst du auch. Finnische Jungen sehen Sibelius, schwedische eher den Tennisstar Björn Borg. Und in Estland machen Musiker wie mein Vater oder Avo Pärt den jungen Leuten Mut."<BR></P><P><BR> </P>

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