E.T.A. Hoffmann: Die Killer-Karotten besungen

- Vier Spezeln treffen sich nach über zehn Jahren wieder. Man sitzt zusammen, ratscht, aber die Stimmung ist nur pseudo-locker ­- bis man sich über die eigene Befindlichkeit austauscht. Da flutscht alles wieder, das Fremdeln ist vorbei, und die Herren Lothar, Theodor, Ottmar und Cyprian fühlen sich in ihrem aufgefrischten Plauderkreise wieder wohl.

Da sie gerne Geschichten erzählen und sogar niederschreiben, überhaupt vielfältig interessiert sind, tragen sie einander ihre Werke bei Wein, Kuchen und anderen Leckereien vor. Zum Patron dieses literarischen Quartetts, das sich später um Vinzenz und Sylvester erweitert, wird der unbekannte ägyptische Märtyrer Serapion erkoren.

Pfiffig-witziges Unternehmen auf zehn CDs

"Die Serapions-Brüder" nannte E.T.A. Hoffmann (1776-1822) seinen über tausend Seiten starken Sammelband. In ihm umhüllte er bereits erschienene Geschichten aller Art vom Kunstmärchen bis hin zu psychologischen Studien mit jenem wahrlich unterhaltsamen "Rahmen". Eine gute Basis für eine Audio-Dramatisierung, dachte sich Herbert Kapfer, Chef der Abteilung für Hörspiel und Medienkunst im Bayerischen Rundfunk. Und mit Klaus Buhlert ("Moby-Dick oder Der Wal", "Der Mann ohne Eigenschaften") stand ihm ein kluger, versierter Hörspiel-Schöpfer mit musikalischem Taktgefühl zur Verfügung.

Mutig und überaus lobenswert ist das Unterfangen, denn Hoffmann ist als einer der Väter des Krimis, des Grusels und der Fantastik zwar ein exzellenter Unterhalter, aber gerade in seiner Heimat Deutschland nicht sonderlich populär. Man kennt ihn eher indirekt: durch Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" ­ die Figur Antonia stammt aus den "Serapions-Brüdern" ­, Tschaikowskys "Nussknacker" oder Hindemiths "Cardillac" (beide ebenfalls "S-B"). Das Hörspiel, das von 26. Dezember bis 7. Januar in Bayern2Radio zu hören und außerdem beim Münchner HörVerlag zu erwerben ist, verwandelt sich also in einen echten Lockstoff.

Buhlert und die Schauspieler Manfred Zapatka (Theodor), Felix von Manteuffel (Cyprian), Stefan Wilkening (Lothar), Werner Wölbern (Sylvester), Bernhard Schütz (Ottmar) und Herbert Fritsch (Vinzenz) gehen das Unternehmen so intelligent und pfiffig-witzig an, dass einem nach zwölf Sendungen beziehungsweise zehn CDs immer noch nach mehr Hoffmann verlangt. Und das ist kein Problem, da das Hörvergnügen auf nur 12 Geschichten beruht, aber allein die gedruckten "Serapions-Brüder" 27 Erzählungen enthalten, ganz zu schweigen von anderen Hoffmann-Bänden.

Natürlich wurden die "Serapions"-Höhepunkte vertont: der erste Text, der sich mit einem Serienmörder beschäftigt zum Beispiel, "Das Fräulein von Scuderi", und das ultimative Weihnachtsmärchen für Jung und Alt, "Nussknacker und Mausekönig". Großartig ist, dass das Team jedoch nicht nur den Bestseller-Hoffmann herauskehrt, sondern vor allem den abwägenden Ethiker ­ immer mit Spannung, Humor und Ironie ­, den leidenschaftlichen Kunstfreund und den Mann, der unbedingt hinter die Oberfläche schauen will. Und so wie sich E.T.A. Hoffmann, der exzellente Jurist, der große Schriftsteller, der erfolglose Theatermann und kurzzeitig erfolgreiche Komponist, nie selbst ganz ernst nahm, so lässt auch die Hörspiel-Mannschaft eine selbstironische Leichtigkeit vernehmen. Das wird verstärkt durch Buhlerts skurrile Zwischenmusiken: besonders schön hoffmannesk, wenn das Zirpen von Automaten-Rädern eingesetzt wird; etwas schal, wenn eine ätherische Frauenstimme dahertönt.

Zapatka und Manteuffel sind die idealen Ironiker, die ihre Stimmen zwischen aufklärerischer Eleganz, weichem Idealismus und sardonischem Sarkasmus oszillieren lassen können. Wilkenings Timbre aus Samtvelour passt hinreißend zum "Nussknacker"-Märchen, während Wölberns klare, dann plötzlich abgründige Stimmlage die Schrecken aus der "Scuderi" aufregend lautmalt. Schütz, gewissermaßen leicht reizbar, gibt der italienischen Komödie "Signor Formica" ein amüsantes Rom-Flair. Und Fritschs Sprechweise ist so exzentrisch wie das Abenteuer der "Königsbraut". Oder hat jemand schon mal Killer-Karotten poetisc¡h besungen?

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder".

Bayern2Radio: 1. Teil am 26.12., 20.30 Uhr, bzw. 27.12., 15 Uhr, bis 12. Teil am 6.1., 20.30 Uhr,/ 7.1., 15 Uhr. CD erschienen im HörVerlag.

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