Das Etikett vergilbt

- Immerhin, die Nebelwerfer bekommen nichts mehr zu tun. Fast ungefiltert gleißt nun das Licht von der Hinterbühne, dem sich Bayreuths Statisterie wie einer fernen Verheißung nähert. Doch der Exodus zum letzten Aufrauschen der Musik bleibt angeklebter Einfall statt logischer Zielpunkt - und weiterer Beleg dafür, dass es immer dann gefährlich dünn wird, wenn der Regisseur mehr Substanz liefern muss als Zoff und Minne bei Gibichungs.

<P>Ein wenig hat Jürgen Flimm im letzten Jahr seiner "Götterdämmerung" verändert, hat den Nornen die riesigen Löffel geklaut, mit denen sie früher aus der Urquelle schöpften, und sie hinter drei Tonband-Geräte gestellt. Lässt Wagner also ihr Schicksalsseil reißen, fummeln die Damen hysterisch an den Spulen: Bandsalat.</P><P>Doch wie schon beim "Siegfried" bleiben solche Neuerungen Kosmetik. Flimms Oberflächen-Regie, die in Zweier- und Dreierkonstellationen durchaus intensive Momente schaffen kann, ist ein Problem dieses Bayreuther "Rings". Das andere verbirgt sich im Graben: Die Spannung von 2001, als Adam Fischer nach dem Tod Giuseppe Sinopolis verpflichtet wurde, als dem Orchester mit dem "Neuen" Aufregendes gelang, ist dahin. Machtvoll tönten in der "Götterdämmerung" zwar "Rheinfahrt" und "Trauermarsch". Doch Fischer war sonst lediglich braver Lotse, kein Impulsgeber, keiner, der die Partitur bezwingend gestaltete, mit Dramatik überwältigte, dafür in der Partitur oft tiefe Löcher klaffen ließ.</P><P>Merkwürdig, dass sich das Orchester am letzten "Ring"-Abend nicht wie früher üblich auf der Bühne zeigte: Gut möglich, dass die Musiker nicht zu dieser Aufführung stehen mochten. Fischer bekam einige Buhs, Yvonne Wiedstruck (Gutrune) und Peter Klaveness (Hagen), beide vokal überfordert, blieben verschont. Olaf Bär belebte als ausstrahlungsstarker Gunther die Szene, Mihoko Fujimura (Waltraute) faszinierte vor allem durch ihren großen, klangvollen Mezzo, Hartmut Welker war wieder ganz triebhafter Alberich. Aber Bayreuth als Mekka des Wagner-Gesangs? Das Etikett vergilbt, denn überzeugen konnten in den Hauptpartien allenfalls Evelyn Herlitzius und Christian Franz.</P><P>Ihr früheres Flackern hat Evelyn Herlitzius fast vollständig in den Griff bekommen, sie singt die Brünnhilde nun zarter, delikater, fast zu zurückhaltend und zu sehr auf ebenmäßige Linie bedacht - was indes zur Ausstrahlung dieser mädchenhaften Anti-Heroine passt. Keine Überraschung, wäre sie Anno 2006 im neuen "Ring" dabei. Und auch Christian Franz entwickelte seine Rolle aus einer lyrischen Grundhaltung heraus, ließ beim Siegfried immer etwas Tamino mitklingen: eine Lust zur Nuancierung, die sich im Spiel spiegelte, den Helden zwischen sympathischem Naivling und Emporkömmling zeigte, der sich flugs in die intrigante Gibichung GmbH einfühlt.</P><P>Letzter Vorhang nach vier Abenden, heftiger, kein ekstatischer Applaus und das laue Gefühl, man habe doch eigentlich nur munterem, versiertem Handwerk beigewohnt. Als "Schauspiel-Ring" ließ sich Jürgen Flimm seine Arbeit gern loben, ein "Nummer-sicher-Ring" ist daraus geworden: keine Angst, der beißt nicht, der spielt nur.</P>

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