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Nach sieben Jahren ist Schluss: Kent Nagano inmitten „seines“ Bayerischen Staatsorchesters.

Der etwas andere Chef

München - Kent Nagano verabschiedet sich mit vielen Festspiel-Dirigaten von seinem Amt als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper

Er kommt ja wieder. Im Januar 2014 mit der Wiederaufnahme von Jörg Widmanns „Babylon“, und auch sonst gibt es Gespräche zum Beispiel über Dirigate der Akademiekonzerte. Aber dann ist Kent Nagano „nur“ noch Gast, nicht mehr Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Mit diesen Festspielen endet seine Münchner Amtszeit, mit einem übervollen Pensum, das im finalen „Parsifal“ am 31. Juli gipfelt. „Erlösung dem Erlöser“, das sind die letzten Worte, die Nagano hier als Chef dirigieren wird.

Sieben Jahre hat dann seine hiesige Ära gedauert. Eine musikalische Ära, die umstritten ist, auch weil es kaum einen größeren Kontrast zu Naganos Vorgänger geben konnte: Auf den Bauchmusiker Zubin Mehta, diesen barocken Lustdirigenten, folgte nun der intellektuelle Feingeist. Kein Überwältiger, sondern ein vorsichtiger Überzeuger. So behutsam ging er vor, dass sich Musiker und vor allem Solisten umzustellen hatten. Was manchmal geschah, manchmal auch, an dann fragwürdigen Abenden, unterblieb. Wer einen energischen, eindeutigen Koordinator brauchte und wollte, der bekam es eben mit einem eher unkonventionellen Taktierer zu tun, der zur Musik einlud, statt sie jemandem zu oktroyieren.

Schnell wurde deutlich, wo Nagano seine Stärken hatte: bei den Werken, um die klassische Repertoire-Kapellmeister einen Bogen machen. Alban Bergs „Wozzeck“, die Uraufführung von Unsuk Chins „Alice in Wonderland“, besonders aber Naganos Leib- und Magenstück, Olivier Messiaens „St. François d’Assise“, das sind die Produktionen, die von diesen sieben Jahren im Gedächtnis haften bleiben. Es gab aber auch anderes, einen verunglückten „Don Giovanni“ oder einen „Eugen Onegin“, der nie bis zur gänzlichen Aufführungsreife gedieh. Das Paradoxe an dieser Situation: Das Bayerische Staatsorchester entwickelte sich in der Nagano-Zeit weiter, wurde 2012 bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ sogar „Orchester des Jahres“. Sicherlich, weil nun anderes gefragt war, Filigranes, mehr Zwischentöne statt breiter Klangpinsel. Weil man sich stilistisch auf eine große Komponisten-Vielfalt einzustellen hatte. Weil durch den „natürlichen“ Musikeraustausch neue, hervorragende Instrumentalisten hinzukamen. Weil Nagano in finanziellen Debatten einiges für sein Ensemble herausholte. Aber auch, weil die Musiker nun – bedingt durch das eigentümliche Handwerk des Chefs – mehr auf sich gestellt waren, eigenständiger wurden und vielfach das Heft selbst in die Hand nehmen mussten. Das Staatsorchester ist klang- und selbstbewusster geworden, das ist die Basis, auf der Naganos Nachfolger Kirill Petrenko aufbauen kann.

„Erlöst“ sind Kent Nagano und Intendant Nikolaus Bachler auch von ihrer gegenseitigen Nicht-Beziehung. Dass Bachler die Verpflichtung Petrenkos betrieb (und damit die Ablösung Naganos), muss hier nicht nochmals ausgebreitet werden. Ebenso, dass manch Sänger damit drohte, nicht mehr unter Nagano aufzutreten – oder sich in die Situation fügte, weil man die Bayerische Staatsoper eben für den persönlichen Lebenslauf brauchte. Was aber noch von Nagano in Erinnerung bleiben wird, das sind viele Akademiekonzerte. Vor allem hier konnte er seinen größten Trumpf ausspielen, nämlich den des klugen, dramaturgisch denkenden Pultmannes. Vieles, was nur vordergründig nicht zusammenpasste, ob Werk-Kombination oder Interpretation, konnte man an diesen Abenden nun wie neu erleben.

Umso erstaunlicher, dass Kent Nagano, der so gut im Symphonischen sein kann, zwar ab Herbst die Göteborger Symphoniker übernimmt – aber ab 2015 eben auch die Hamburgische Staatsoper. Doch vielleicht sind das andere Musik-Biotope, die besser zu ihm passen. Man würde es diesem so sympathischen Künstler wünschen – der seinen hiesigen Fans zum Abschied das bestmögliche Geschenk macht: mit insgesamt 16 Festspiel-Einsätzen.

Markus Thiel

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