Deutsch-türkisches Orchestertreffen

„So etwas geht eben nur mit Musik“

Attacca, das Jugendorchester der Bayerischen Staatsoper, und das türkische Kindersinfonieorchester Dogus machen erstmals gemeinsame Sache. Heute, um 11 und 19 Uhr, sind die Konzerte im Carl-Orff-Saal. Wir haben eine Probe besucht.

Anfangs herrscht wildes Chaos im holzgetäfelten Probenraum der Münchner Stetten-Kaserne. Sitzplätze werden fieberhaft gesucht, durcheinander geratene Notenblätter rasch sortiert, und der Geräuschpegel nähert sich immer mehr einem Klangexperiment à la Stockhausen. Aber kaum hebt Dirigent Allan Bergius den Taktstock zu Dvo(r)áks achter Symphonie, kehrt auf einmal Ruhe ein. Und das vor wenigen Minuten erst frisch zusammengewürfelte Orchester musiziert so harmonisch miteinander, als ob man sich schon ewig kennen würde.

„Unglaublich, oder? So etwas geht eben nur mit Musik.“ Und dass dieses Experiment gelingen würde, daran hat Aylin Aykan zu keiner Sekunde gezweifelt. Sie hatte Anfang des Jahres den Kontakt zwischen dem türkischen Jugendorchester Dogus und „Attacca“, dem musikalischen Nachwuchs der Bayerischen Staatsoper, hergestellt. Jetzt, einige Monate später, ist aus der ambitionierten Idee eines gemeinsamen deutsch-türkischen Jugendkonzerts tatsächlich Realität geworden. Und das Ergebnis der harten Probenarbeit lässt sich heute Abend, zum 85. Jahrestag der Gründung der Republik Türkei, im Carl-Orff-Saal erleben.

„Deutsche und Türken, die zusammen Musik von einem Tschechen spielen, das ist doch einfach fantastisch.“ Findet auch Dirigent Oguzhan Kavruk, der seit zwei Jahren mit dem Dogus-Orchester arbeitet und sich hier das Pult mit seinem deutschen Kollegen teilen wird. „Für uns ist das natürlich erst einmal neu und wahnsinnig aufregend. Aber ich kenne mein Orchester und weiß, dass es das schaffen wird.“ Auch wenn am ersten Probentag noch viele von der langen Reise erschöpft sind: Sobald sie ihre Instrumente in der Hand halten, scheint die Müdigkeit auf einen Schlag vergessen. Denn schließlich will man sich bei den Gastgebern von seiner besten Seite zeigen. „Im Moment beobachtet natürlich noch jeder den anderen und schaut, wie der so spielt“, gesteht Attacca-Geigerin Hannah. „Aber ich glaube, langsam tauen wir alle auf.“ Und tatsächlich, schon am Ende des ersten Durchlaufs scheint das Eis gebrochen, und an den Notenpulten entbrennen heiße länderübergreifende Diskussionen, wie man die eine oder andere heikle Stelle beim nächsten Mal besser machen könnte. „Wir haben teilweise mit Händen und Füßen geredet, weil nicht alle von uns fit in Englisch sind“, erzählt Oboist Simeon. „Aber irgendwie ging es schon. Und es macht total Spaß, mit ihnen zu spielen.“ Ein Lob, das Cellist Yussuf den Kollegen von Attacca umgehend zurück gibt. „Sie haben einen echt guten Sound. Ich denke, dass wir gut zusammenpassen und es ein tolles Konzert wird.“

Auf dieses große Ereignis arbeitet auch Deniz fleißig hin. Zwar hat sie beim Festival im türkischen Bodrum schon vor 3000 Zuhörern gespielt, aber der Auftritt in München ist trotzdem etwas ganz Besonderes. Nicht nur, weil es für die 14-jährige Geigerin die erste Reise ins Ausland ist, sondern auch weil sie hofft, hier ein paar neue Freunde zu finden – die räumliche Distanz ist da in den Zeiten der E-Mail ja kein Hindernis mehr.

Mag es auch nach einer abgedroschenen Floskel klingen: Man muss Allan Bergius einfach zustimmen, wenn er Musik als universelle Sprache beschreibt, die jeder versteht, so lange er nur richtig zuhört. Das haben die jungen Musiker aus beiden Ländern hier eindrucksvoll gezeigt. So mancher dürfte schon jetzt auf ein schnelles Wiedersehen hoffen. Und wenn alles gut geht, wird wohl auch Attacca bald auf Reisen gehen und seine neuen Freunde in ihrer Heimat besuchen.

von Tobias Hell

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