Die Eule in Athen

- Mein Gott, sie wird doch nicht? Doch, unzweifelhaft, es ist Helga Rabl-Stadler, die vor James Levine einherstöckelt, beherzt zum Mikrofon greift und, Aufatmen, Entwarnung, weder "Salzburger Nockerln" anstimmt, noch ein Blumenmädchen oder die Kundry gibt. Frau Festspiel-Präsidentin ruft eindringlich und zweisprachig zum Spenden auf für die Hochwasseropfer - offenbar notwendig, hatten sich doch bislang skandalös wenige Scheinchen in die gläsernen Sammelbehälter verirrt. Ja bitt'schön, Gnä' Frau, die Gala-Billets waren teuer genug, dann müss' ma noch den Pausen-Schampus finanzieren . . .

<P>"Gala" im Großen Festspielhaus, das ist ohnehin die Eule in Athen, das ist Salzburg getoppt und hoch zwei, das sind Standing Ovations, sind Justus Frantz neben Peter Ruzicka (welch Paar), Thomas/Thea Gottschalk, Helmut Lohner, Fürstin Gloria und, ach ja, Placido Domingo plus Waltraud Meier, einmal als Siegmund/Sieglinde, nach dem Schampus als Parsifal/Kundry. Wagners erster "Walküre"-Aufzug und der "Parsifal"-Mittelakt konzertant: auch ein Nadelstich Richtung Bayreuth, in diesen Wochen eigentlich Exklusiv-Austragungsort derartiger Literatur.</P><P>Doch ganz ruhig, Wolfgang W., dem Grünen Hügel droht keine Entwertung - abgesehen von ihr, von la Wagnerissima. Denn Waltraud Meier, durch fehlende Regie zum Verzicht auf ihr oft bizarr-rasendes Spiel genötigt, präsentierte sich fabelhafter denn je. Weil sie Sieglinde und Kundry eben mit rein musikalischen Mitteln gestaltete, weil sie sich jede Phrase, jeden Wortakzent schier auf der Zunge zergehen ließ und so, irgendwie paradox, zu weitaus größerer Intensität und Präsenz fand - zumal auch die gern gefährdeten Spitzen zielsicherer abgefeuert wurden. Ihre Sieglinde: Belcanto-Erotik und Sinnlichkeit pur. Ihre Kundry: ein Übermaß an lodernder, gerade noch gezügelter Expressivität.</P><P>Domingo musste dagegen verblassen, schien ihm überdies die konzertante Situation unbehaglich. Kurze Sitzpausen, ein Schluck Wasser, ständiges Räuspern, das stete Blicken in die Noten (als Einziger benötigte er ein Pult), nein, der Star agierte nicht frei, lieferte meist standardisierte Emotion und über weite Strecken unverständliches Kauderwelsch. Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich Domingo mit Wagner, aber dabei wohl ausschließlich mit den Noten, selten mit korrekter Aussprache - weiß er, was er singt? Dennoch: Wo die Kollegen in kitzligen Lagen schummeln, ist er da, versöhnt mit elegant flutendem Melos und noch immer imposanten Stentortönen.</P><P>Kurt Moll, als Hunding in gewohnt bestechender Form, wirkte daneben wie sein Gesangs- und Diktionslehrer, der achtbare Richard Paul Fink (Klingsor) fungierte mit Knarz-Bariton eher als Kundrys Stichwortgeber. Dass alle vier hörbar blieben, ist ein kleines Wunder, marschierte doch das Met-Orchester mit Chef James Levine in Batallionsstärke auf. Die US-Gäste lieferten große Präzision, rhythmische Prägnanz und scharf profilierten Sound. Levine ließ Lyrismen breit ausspielen, Leitmotivisches genau formulieren. Die dramatischen Zuspitzungen kamen indes zu knallig, zu vordergründig, ohne Klangmagie. Vor einigen Jahren ist dies Levine in Bayreuth eindrucksvoller gelungen, aber dort musiziert man bekanntlich im überdachten Graben. Sollte Jimmy besser mit Deckel reisen?<BR></P>

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