Mit der Euphorie einer rostigen Orgelpfeife

- Die Chancen, dass dieser Abend sich für die Veranstalter lohnen würde, standen von Anfang an nicht schlecht: München, die "nördlichste Stadt Italiens", das Wetter nach skandinavischen Wochen wieder lau und auf der Bühne eine Sängerin, deren Melodien die Gefühle südwärts über den Brenner jagen. Dass freilich gleich 20 000 zum italienischen Abend rund um die Seebühne der Bundesgartenschau pilgern würden, dürfte alle Beteiligten gelinde überrascht haben - denn wegen der Pasta war niemand gekommen. Alle wollten Gianna Nannini sehen.

Und das, da die Konditorentochter aus Siena ihren kommerziellen Zenith eigentlich lange überschritten hat. Die Mehrzahl der Anwesenden wird wohl die Radio-Hits der 80er gekannt haben, in denen Nannini unter dem so beliebten wie scheußlichen Begriff "Rockröhre" geführt worden war. Das spätere Werk? Wohl kaum. Und weil die 49-Jährige realistisch ist, bediente sie die Nostalgie der Italo-Fraktion. Sie ließ sich mit einer Gondel zur Bühne schippern und schmetterte ein herzhaftes "Ciao a tutti!" in die Menge - wie eine ideenloses Midlife-Weib wirkte sie dennoch nicht. Dies liegt zum einen daran, dass Nannini das Konzept ihres jüngsten Albums, "Perle", auf der Bühne abermals verfeinert hat: Stücke aus ihrer Vergangenheit, nur in Begleitung von Klavier, Streichquartett und ein wenig Schlagwerk. Wo jedoch auch die CD oftmals überladen wirkte, waren die entschlackten Arrangements live in ihrer Schlichtheit oft sogar spannend - besonders gut zu erleben beim Hit "I Maschi". Hymnisch klang das immer noch, aber diesmal fast zart und allemal gefühlvoller als in der Rockversion.

Zum anderen gelang der Abend, weil Gianna Nannini sich an das hielt, was sie kann: Energie erzeugen. Stimmlich hat sie sich kaum verändert - Nannini krächzt immer noch mit der Euphorie einer rostigen Orgelpfeife. Und wenn sie, wie bei "Profumo", auf Samtpfoten daherkommt, ist sie sogar eine richtig gute Soulsängerin. Dazu die großen Explosionen dieser kleinen Frau, die Verrenkungen, die immer wieder geballte Faust . . . Schade, dass sie ihren größten Hit, "Bello E Impossibile", dann doch mit schalen Beats vom Eurodisco-Grabbeltisch unterlegen ließ, bevor sie wieder in See stach (diesmal mit einem Schnellboot der Wasserwacht). Aber immerhin, auch das ist Italien, wenn auch eher aus der Perspektive des armen Würstchens vom Teutonengrill. Dennoch: Diese Gianna Nannini ist die beste, die es je gab.

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