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„Feuer und Flamme“ ist das Motto der Kulturhauptstadt Turku. Auf der Burg wird es Opern geben.

Europäische Kulturhauptstädte: Aus dem Schatten treten

München - Die an der Westküste Finnlands gelegene Stadt Turku ist zusammen mit Tallinn Kulturhauptstadt 2011. Eine riesige Chance für die kleine Stadt - und für Künstler Jan-Erik Andersson.

Die an der Westküste Finnlands gelegene Stadt Turku ist zusammen mit Tallinn Kulturhauptstadt 2011. Eine riesige Chance für die kleine Stadt - und für Künstler Jan-Erik Andersson. Er beteiligt sich mit seinem eigenen Haus und einer speziellen Sauna an dem Veranstaltungsprogramm.

Alle drei, vier Minuten knackt und knarzt es im Haus von Jan-Erik Andersson. Das Holz arbeitet. Doch das gelbe, blattförmige Gebilde des finnischen Künstlers ist erst knapp zwei Jahre alt, Metallstreben ersetzen Balken, Spanplatten verkleiden die sechs Meter hohen Rund-Wände, blaue Kunststoffrahmen umschließen die Tropfen-Fenster. „Ein Freund von mir hat ein Soundsystem installiert“, sagt der 56-Jährige. „Es produziert Töne, nachts antwortet es quasi auf den Kühlschrank.“

Das skurrile zweistöckige Einfamilienhaus mit Ausblick über den Aura-Fluss bis in die Altstadt von Turku hinein ist Anderssons Doktorarbeit im Fach „Bildende Kunst“ an der Akademie in Helsinki. Und während das Mittagessen für seine dreiköpfige Familie auf dem Herd vor sich hin köchelt, zeigt er gerne Interessenten sein Werk, vor allem in diesem Jahr: Turku ist zusammen mit Tallinn Kulturhauptstadt Europas.

Auf dem Kontinent ist Turku weitgehend unbekannt, Helsinki ist in Sachen Finnland das Maß aller Dinge. Doch das an der Ostsee-Küste, auf Höhe von Stockholm gelegene Turku ist wesentlich älter, bereits im Mittelalter hat es eine Rolle gespielt, trug vor Helsinki sogar mal den Titel Hauptstadt. Heute leben in der Uni-Stadt 177 000 Menschen, neben Finnisch ist Schwedisch die zweite Amtssprache. Im Sommer kann es schon mal 30 Grad warm werden, im Winter sind solche Minusgrade auch durchaus möglich. Touristen erkennt man also nicht nur an ihren Fotoapparaten, sondern wegen der Kälte auch gerne mal an ihren hochroten Köpfen. Eine Schneegarantie gibt es nicht. Heuer aber steht Anderssons mit Erdwärme geheiztes Haus in einer idyllischen Winterlandschaft, ein Schneemann samt Karottennase und gestreiftem Schal im Park begrüßt die Besucher. Die exquisite Lage hat er tatkräftigen Unterstützern zu verdanken, die sich im Stadtrat für ihn eingesetzt haben. Bezahlen nämlich hätte er dies nicht können, wie er offen zugibt.

Vor seinem blattförmigen Haus präsentiert sich Jan-Erik Andersson den Fotografen. Im Vordergrund ist seine Zwiebel-Sauna zu sehen.

Aus Dankbarkeit beteiligte er sich an den Planungen zur Kulturhauptstadt. Er hat mitgeholfen, mitdiskutiert und baute im Rahmen des Projektes „Sauna Lab“ selbst einen Schwitzkessel, der im Frühjahr zusammen mit vier weiteren die Gäste am Dom zum Entspannen einladen soll. Seine Sauna, mit der er natürlich wieder Kunst und Architektur verbindet, sieht aus wie eine Kreuzung aus Knoblauch und Kürbis, statt den üblichen Bänken gibt es Holzstühle, auch zwei behindertengerechte Stellplätze hat er eingeplant. Aus Sicherheitsgründen ist es eine Elektro-Sauna. Typisch finnisch ist wohl nur noch der gelbe Außenanstrich.

Typisch für Turku ist das Feuer. Ständigen Katastrophen entfliehend, lernten die Einwohner das Element zu schätzen, sie erkoren es gar zum Leitmotiv des Kulturhauptstadtjahres: Turku ist also „Feuer und Flamme“. Dem Großbrand von 1827 beispielsweise wurde ein Heavy-Musical gewidmet sowie eine experimentelle Ausstellung in den alten Maschinenhallen, die zum Kulturzentrum Logomo umgebaut wurden. Die Burg zu Turku bietet den Rahmen für zwei Opernpremieren, im Dom wird die Leidensgeschichte Jesu als Tanztheater aufgeführt. Zu den Oster-Veranstaltungen gehört auch die Ausstellung „Das letzte Abendmahl“, zu sehen sind Werke unter anderem von Andy Warhol.

Jan-Erik Andersson verbindet bildende Kunst und Architektur.

Die ganze Stadt wurde in das Jahr eingebunden, auch Gefängnis-Insassen waren in die Vorbereitungen eingespannt worden. Alle Kindergärten und Schulen hatten allein für die Eröffnungsfeier mit Akrobatiknummern und einem Feuerwerk über dem derzeit zugefrorenen Aura-Fluss hunderte Laternen gebastelt. Sie fungierten von ihren Einrichtungen aus als wandelnde Wegweiser und begleiteten die Gäste zum Geschehen. Dort sangen dann 50 Chöre, bei minus 20 Grad applaudierte die ganze Stadt dick in Skihandschuhe eingepackt dem Team rund um den britischen Regisseur Mark Murphy für die atemberaubende Show. Andersson war natürlich auch anwesend - mit sechsjährigem Sohn und Frau: „Kulturhauptstadt 2011 zu sein ist für Turku etwas ganz Besonderes.“ Noch nie sei hier etwas so Großes passiert. Und endlich kann die Stadt aus dem übergroßen Schatten Helsinkis (war 2000 Kulturhauptstadt) heraustreten. „Und in Finnland kennen wir über 800 Schattierungen der Dunkelheit“, sagt Andersson und lacht.

Angelika Mayr

Informationen

www.anderssonart.com/leaf/, www.visitfinland.de oder www.tui-wolters.de

Geschichten von der Küste

In Tallinn ist das Jahr von der Auszeichnung „Europäische Kulturhauptstadt“ beherrscht. Kein Tag werde ohne Kulturprogramm vergehen, kündigten Vertreter der rund 400 000 Einwohner zählenden Stadt am Finnischen Meerbusen an. Unter dem Motto „Geschichten von der Meeresküste“ sind etliche Festivals, Ausstellungen und sonstige Veranstaltungen geplant. Für das kleine Estland ist es das größte kulturelle Ereignis in der Geschichte des Landes. Inhaltlich soll sich das kulturelle Jahr den Legenden und der Inspiration widmen, die das Meer unzähligen Generationen in der Stadt gegeben hat. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der Musik liegen, die in Estland eine lange Tradition hat. Neben seit Jahrzehnten in Tallinn verankerten Stilrichtungen wie Klassik oder Jazz soll aber auch etwa der „Afroreggae“ mit einem eigenen Festival gewürdigt werden. Ein Großteil des Angebots soll, dem Motto getreu, entlang der Küste stattfinden. Cafés in Frachtcontainern und Expositionen in einer alten Werft sollen dabei die enge Verknüpfung der Geschichte der Stadt mit dem Meer widerspiegeln – und zugleich mit all dem, was über den Seeweg an neuen Einflüssen hinzukam.

Vermutlich im 11. Jahrhundert gegründet, gelangte der Ort unter dem Namen Reval unter der Hanse zu einer ersten Blüte. Nach dänischer und deutscher Herrschaft wurde das Gebiet 1561 vom schwedischen König in dessen Reich einverleibt. 1710 fiel Reval an Russland. 1918 wurde die Stadt in Tallinn umbenannt, als Hauptstadt einer unabhängigen Estnischen Republik konnte sie sich aber nur bis 1940 halten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Estland zur Sowjetrepublik. Erst mit der Unabhängigkeit 1991 begann wieder eine Blütezeit. Die Altstadt mit ihren mittelalterlichen bis barocken Fassaden zieht inzwischen viele Touristen an. Die Wirtschaft ist vom Dienstleistungssektor geprägt. Der Hafen verbindet Tallinn über Fährlinien mit Finnland, Schweden und Deutschland. Von dem Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ erhoffen sich viele Bürger eine noch stärkere Integration in die Kultur Westeuropas.

Benjamin Wünsch

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