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Ein Albtraum aus Furnier wurde für die „Sommergäste“ in die Halleiner Spielstätte der Salzburger Festspiele gebaut.

„Sommergäste“-Premiere bei den Salzburger Festspielen

Geschlossene Gesellschaft auf der Perner-Insel

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Diese Produktion der Salzburger Festspiele stand zunächst unter keinem guten Stern, dennoch glückte Regie-Einspringer Evgeny Titov die Inszenierung von Gorkis „Sommergäste“ auf der Perner-Insel in Hallein. Unsere Premierenkritik: 

Jetzt haben sie in Salzburg Gorkis Sommergästen nicht nur die Zukunft genommen, sondern obendrein die Natur. Das Bühnenbild, das Raimund Orfeo Voigt in die einstige Sudhalle auf der Perner-Insel in Hallein gebaut hat, ist ein Albtraum aus Furnier. Die Figuren haben kaum mehr als einen Korridor, um sich zu bewegen. Wo raumhohe Fenster den Blick ins Freie, Weite erlauben würden, sind sie mit beigen Vorhängen verhängt. Dieses Sommerhaus ist ein Sarg aus Holzimitat. Das Draußen bleibt ausgesperrt. Die Bänke drinnen an den Wänden atmen den Geist von Wartehallen vergangener Tage.

Gorkis Stück wurde 1904 uraufgeführt

Denn worauf wollen die Anwälte, Ingenieure, Ärzte noch warten, die Gorki in seinem 1904 uraufgeführten Drama porträtiert? Ihre Existenz wird ein Jahr später von der Russischen Revolution infrage gestellt werden. Längst hat dieses Großbürgertum den Kontakt zu anderen Menschen verloren – deshalb hängt ein Gaze-Vorhang zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum in dieser zweiten Schauspielpremiere des Salzburger Sommers. Hier spielt eine geschlossene Gesellschaft mit und für sich. Zwar erkennt sie die Aussichtslosigkeit ihrer Lage, doch ist sie unfähig, aus der Analyse Konsequenzen zu ziehen. So feiert, flirtet, faselt sie sich dem Untergang entgegen.

Mateja Koležnik musste die Regie abgeben

Evgeny Titov hat diesen zweistündigen, pausenlosen Abend inszeniert, der am Mittwoch seine heftig beklatschte Premiere feierte. Seine „Sommergäste“ sind ein Erfolg – für die Festspiele, für das Ensemble und nicht zuletzt für den 1980 in Kasachstan geborenen Regisseur, der damit sein Debüt an der Salzach gibt. Dabei stand die Produktion unter denkbar schlechten Vorzeichen. Wie berichtet, musste die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Mateja Koležnik, die in München etwa „König Ödipus“ und „Ein Volksfeind“ am Residenztheater eindrucksvoll einrichtete, den Auftrag aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Titov übernahm fünf Wochen vor Probenbeginn, da stand das Ensemble längst fest, und auch das Bühnenbild war so gut wie fertig.

Doch in keinem Moment dieser dichten, genau gearbeiteten Inszenierung ist zu spüren, dass Titov der Einspringer ist. Der Regisseur und seine Dramaturgin Janine Ortiz haben diese „Szenen“, wie Maxim Gorki (1868-1936) sein Drama im Untertitel nannte, geschickt gestrafft und leicht umgestellt. So entsteht einerseits eine stringente Dramaturgie, die andererseits genügend Raum für die starken Bilder lässt. Voigts Bühne unterstützt diesen Ansatz kongenial: Für den Zuschauer kaum merklich schiebt sich die Szenerie von rechts nach links – genau so, wie das Leben an den Protagonisten vorbeizieht. Mit leiser Unerbittlichkeit. Immer stärker werden die Männer und Frauen an den Rand gedrängt, und ergehen sich dennoch weiter in ihrem Lamentieren, ihren Liebeleien und Saufgelagen. Bis sie im schwarzen Nichts verschwinden, während rechts längst die neue Szene zu sehen ist.

Kraftzentrum des Abends: Genija Rykova, hier mit Thomas Dannemann.

Dadurch entsteht eine Parallelität des Geschehens, die ein filmisches Erzählen möglich macht. In einem der intensivsten Augenblicke des Abends feiern die Sommerfrischler eine derbe Party, derweil im Raum nebenan Warwara Michajlowna, die Frau des Hauses, von stummen Heulkrämpfen geschüttelt wird, bis sie sich in einem enormen Kraftakt zwingt, im Takt der Musik mitzutanzen. Allein, verzweifelt. Genija Rykova, die lange am Münchner Residenztheater engagiert war, spielt diese Frau mit großer Sensibilität. Ihre Warwara ist vielleicht die hellsichtigste von Gorkis Personen. „Mein Leben ist mir so peinlich“, sagt sie an einer Stelle. Dennoch hängt sie darin fest. Es ist eine Freude, der Schauspielerin dabei zuzusehen, wie sie die Emanzipationsversuche ihrer Figur gestaltet. Als Warwara merkt, dass selbst die Hoffnungen vergeblich waren, die sie in den Schriftsteller Schalimow (mit großer Lässigkeit: Thomas Dannemann) gesetzt hat, dass also keine Rettung von außen kommen wird, sondern nur sie selbst ihr Leben ändern kann, zieht sie zum ersten Mal ihre High Heels aus: Fortan geht sie barfuß über den Boden der Realität.

Gerti Drassl spielt die depressive Kalerija

In diesem Stück, das eigentlich keine Hauptrollen kennt, macht bereits ihr knallrotes Kleid (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer) klar, dass Rykova das Kraftzentrum der Inszenierung ist. Doch stehen mit ihr starke Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne. Da ist etwa Gerti Drassl, die ein feines Porträt ihrer depressiven Kalerija zeichnet. Da ist Primož Pirnat, der als Gastgeber Bassow den russischen Li-La-Launebären gibt, den man jedoch besser nicht reizen sollte. Und da ist Dagna Litzenberger Vinet, deren Julija derart viele Ticks ausgebildet hat und mitunter im Wortsinn die Wände hochgeht, weil sie anders die Ausweglosigkeit nicht ertragen könnte. Wie alle in dieser feinen, eigentlich intelligenten Gesellschaft. Während die einen sich in körperliche Absonderlichkeiten flüchten, ersäufen die anderen ihre Gedanken im Alkohol oder betäuben ihre Emotionen mit flüchtigem Sex. Immer wieder hat Gorki in der Zeichnung seiner Figuren die Grenze zur Karikatur touchiert – das 15-köpfige Ensemble folgt ihm hierin umsichtig.

Und doch ringt Titov der Vorlage so etwas wie Hoffnung ab: Da wird Warwara zu Beginn von einem Buben aus dem Schlaf geschreckt, entgeistert und verängstigt blickt sie ihn an. Er tut nichts, doch sie erkennt in ihm den Boten der nachfolgenden Generation, bereit zur Ablösung der eigenen, die abgewirtschaftet hat. Ans Ende des Abends hat der Regisseur jenen Dialog aus dem dritten Akt gestellt, bei dem sich Bassow, Schalimow und der Ingenieur Suslow über die „minderwertige Rasse“ der Frauen ergehen, die man mit „sanfter Gewalt“ steuern müsse – oder „schwängern, schwängern, schwängern, dann sind sie einem völlig ausgeliefert“. Im Weggehen tätscheln die Machos den Jungen – Verbrüderung des Testosterons, Übergabe des Staffelstabs. Doch der Kleine  wendet sich ab und Warwara zu: „Kommen Sie zu uns. Kommen Sie!“  Er ist die Zukunft. Eine bessere?

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